Was Menschen mit Büchern machen. Seit 2009. Von Leander Wattig.

Beiträge aus der “Unser kleiner Verlag” Kategorie

Stefan Krücken: Bilderkrieger

1. Juli 2013

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Nur noch selten fallen tagsüber Schüsse, meint Mike Kamber, als wir uns setzen. Nachts, okay, das sei noch schwieriger, aber vieles habe sich schon gebessert in diesem Teil der Bronx. Sein Büro ist gleichzeitig die Ausstellungsfläche des „Bronx Documentary Centre“ ist: Ein weißgestrichener, hoher Raum mit großen Fenstern im Erdgeschoss eines roten Backsteingebäudes, 614 Courtlandt Avenue, New York 10451, nur ein paar Subway-Stationen von Manhattan und doch ganz weit weg vom Glitzer und Reichtum der Metropole. Mike hat diese Galerie gegründet, um Jugendlichen zu helfen, um ihnen einen Ausweg zu zeigen mit Hilfe der Fotografie.

25 Jahre lang hat er meist im Auftrag der „New York Times“ die Kriege dieser Welt dokumentiert, war unter anderem im Kongo, Haiti, in Afghanistan, im Irak, überall dort, wo getötet wurde. Er hat sein Leben dafür riskiert, damit Leid und Tod nicht vergessen werden. Nun lebt er in der Bronx, man könnte sagen: wieder zwischen jenen, die in Gefahr sind, vergessen zu werden. Mike Kamber ist Ende 40, ein Mann mit kräftigem Händedruck, einem leicht ergrauten Kinnbart und durchdringendem Blick. In den Kriegen, in der Zeit des Wartens, hatte er damit begonnen, Berufskollegen für ein Buch zu interviewen. Mit Marco Di Lauro traf er sich in einer Bar in Kabul, an einem der wenigen Orte, wo Westler ein wenig Alkohol trinken können. Patrick Chauvel, der seit Jahrzehnten Kriege in aller Welt fotografiert, lud ihn zu sich nach Paris ein und bekochte ihn auf französische Art. Als Kamber mit Andrea Bruce in Bagdad stundenlang zusammenhockte, explodierten draußen die Granaten. Beide waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie es kaum bemerkten: „Es war wie eine kleine Pause von all der Gewalt da draußen“, erinnert sich Kamber.

Ich bin nach New York gereist, um Mike nach der Vermittlung durch Spiegel-Reporter Takis Würger kennenzulernen, und mit ihm darüber zu sprechen, ob wir sein amerikanisches Original „Photojournalists on war“, das sich auf den Irak-Krieg konzentriert, ausweiten dürfen. Mike willigt ein. Er freut sich, dass wir uns für sein Projekt interessieren. Fred Grimm, ein erfahrener Journalist (u.a. „Stern,“, „max“) aus Hamburg, wird nach New York reisen und mit ihm wochenlang jedes Dokument editieren. Aus 40 Texten der US-amerikanischen Ausgabe wählen sie die Hälfte für „Bilderkrieger“ aus.

Als meine Frau Julia und ich Mikes Manuskript zum ersten Mal lasen, seine raue Intensität, die Geschichten von Mut und Verzweiflung und Angst und auch dem Gefühl, im Irrwitz der heutigen Medienwelt nicht mehr durchzudringen, war klar: Wir müssen dieses Buch verlegen. Es fühlt sich beinahe wie eine Verpflichtung an. Wer es kaufen wird? Die Frage verdrängten wir. Diese Frauen und Männer haben alles riskiert, uns die Augen zu öffnen. Joao Silva, Mikes bester Freund, verlor seine Beine, als er in Afghanistan auf eine Anti-Personen-Mine trat. Chris Hondros wurde in Libyen erschossen, bevor das Buch erschien.

Mike breitet Fotos auf einem Tisch aus. Es sind intensive Bilder, jedes einzelne, alle erzählen eine Geschichte. Manche wird man nicht mehr los. Man fragt sich, wie viel davon eine Seele sehen kann, bevor sie Schaden nimmt.

„Ich kann es nicht mehr“, erzählt er, „es war zu viel.“

Die Tür geht auf, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft kommt hinein. Sie erzählt von zwei vernachlässigten Jugendlichen aus ihrem Block, die Mutter Alkoholikerin, der Vater ein Drogenwrack. Mike bittet sie, die Kinder vorbeizuschicken. „Wenn wir uns nicht um den Jungen kümmern, wird er in einer Gang landen“, meint er. Wenig später steht ein Mann unter einer verschlissenen Baseballkappe im „Bronx Documentary Centre“, mit einem ähnlichen Fall. Immer wieder: Drogen, Armut, Gewalt. Mike leitet hier nicht nur eine Galerie, sondern er ist auch so etwas wie ein Sozialarbeiter, ein Kummerkasten, ein Schutzpatron.

Warum tut er das?, frage ich ihn. Warum, nach allem, was er erlebt hat? Warum wohnt er nicht in einem Häuschen in Maine oder einer Strandhütte auf Long Island? Warum macht er weiter, von einem Krieg zum anderen?

„Weil es doch einer tun muss“, entgegnet er. „Es ist in mir drin.“

Sieben Monate später erscheint „Bilderkrieger“. Nach einem Beitrag über den Deutschen Kriegsfotografen Christoph Bangert auf „Spiegel online“ setzt ein regelrechter Sturm auf das Buch ein. Auf Amazon rangierte das Buch auf Platz 1 in der Kategorie „Aufsteiger des Tages.“ Campino, ein alter Freund, schreibt eine SMS: „Ein aufrüttelndes und wichtiges Buch!“

Nie fühlte sich ein Teilerfolg richtiger an.

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Arschbombe vom Sonnendeck

28. Mai 2013

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Buchhändler sind härter gesotten, als man denkt. Zumindest in Hamburg, wo man es gewohnt ist, dass der Wind kalt von der See kommt und der Regen gar nicht aufhört. Der Wind bläst jedenfalls kalt von der See und der Regen hört nur kurz auf, als wir auf eine Barkasse bitten. Hafenrundfahrt, Fischbrötchen, ein paar Bier und unser neues Buch „Inselstolz“. 25 Geschichten von deutschen Nordsee-Inseln, von Leben zwischen Strandkorb und Sturmflut, wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht.

Unser Schiff heißt „MS Hamburg“ und geht an diesem Abend. In Kooperation mit der Bremer Reederei Plantours haben wir gewissermaßen die erste Kreuzfahrt zum Buch geschaffen. „Heimathäfen“, nach Sylt, Helgoland und Borkum. Mit an Bord: Schauspieler Axel Prahl (u.a. Tatort Münster) und Inselbewohner, die wir im Buch vorstellen. Deshalb sind wir losgetuckert auf der „Käpt´n Kuddel“-Barkasse. Zum Abschied winken, ein Farewell mit Matjes und Pils.

Es ist das zweite Mal, dass wir mit Prahl aufs Meer hinaus fahren, und schlechtes Wetter scheint dazuzugehören. 2010 legten wir in Chile ab, Kurs Kap Hoorn und die Antarktis. Auf der „MS Deutschland“, dem Traumschiff, unterwegs zum „Sturmkap“, das Axel für Ankerherz als Hörbuch einlas. 21 Tage auf See, Endhafen Buenos Aires, und vor den Falkland-Inseln gerieten wir in einen heftigen Sturm. Windstärke 11, zehn Meter hohe Wellen, wie sich das für eine Reise zum Sturmkap gehört. Axel und ich waren die letzten an der Bar und beschlossen, einfach sitzenzubleiben, bis es Frühstück gab. Den Sonnenaufgang über dem sturmbewegten Süd-Atlantik werde ich nicht vergessen.

Im Hamburger Hafen, mit den hartgesottenen Buchhändlern, ist es kühler, aber weniger schaukelig. Die Barkasse hat Dach und Heizung, die Fischbrötchen schmecken und das Bier auch. Mit angenehmen Gesprächen und der Musik von Hayes Carll geht es vorbei an den Kränen und den Docks, bis die Königin der Meere ins Sicht kommt: Die Queen Mary 2. Gleich dahinter die MS Hamburg und der Beleg, dass 144 Meter im direkten Vergleich mit einem Riesen klein aussehen können. Vom Sonnendeck winken die Ankerherz-Crew und Axel. Jemand ruft: „Los Axel, Arschbombe!“, und dann fordert Prahl die Buchhändler auf, auf seine Kommando bei „DREI“ zu hüpfen, um mehr Bewegung in die Barkasse zu bekommen.

Es ist ein großer Spaß, und als wir wieder an den Landungsbrücken von Sankt Pauli festmachen, hat sogar der Regen aufgehört. Die Meisten, das spürt man, würden nun mit dem Schiff Richtung Nordsee fahren.

Sie sind Buchhändler und wollen bei der nächsten Barkassen-Fahrt im Hamburger Hafen dabei sein? Melden Sie sich bei uns für die Vormerker-Liste! Ihr Ansprechpartner: Ankerherz-Vertriebsleiter Henning Horl. Hhorl(at)ankerherz.de

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Eine Ode an Ol‘ George

3. Mai 2013

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Ol’ George ist groß und lang und und schwer und er brummt wie ein zufriedener Bär. Ein mintgrüner Ford Pickup, Baujahr 1972, mit einigen Kratzern, noch mehr Beulen und diversen Roststellen. Unser neuer Ankerherz-Dienstwagen, mit dem wir fortan zu Lesungen und zu besonders netten Buchhändlern im Norden tuckern. Manche werden nun maulen: ein Anachronismus auf Rädern! Und ja: stimmt.

Dreiliter-Sparmotor? Ol´ George ist ein Schlucker von jener Sorte, von der man gar nicht wissen möchte, wie viel er verträgt. Bluetooth-Verbindung zum Soundsystem? Es gibt ein altersschwaches Radio, doch das empfängt nur Pfeifsignale auf der Mittelwelle. Klimaanlage? Man kann ein kleines Seitenfenster an der Fahrerseite nach innen kippen, das andere ist verklemmt. ABS? Airbags? Wer mit Ol´George unterwegs ist, bremst besser mit Bedacht.

Man möchte aber weder Radio hören noch schnell unterwegs sein, wenn man mit ihm über die Landstraße schiebt wie am Steuer eines großen Frachtschiffs. Der Achtzylinder brummt und der Wind pfeift an den Seitenspiegeln, die wie zwei große Ohren abstehen.

Das Tolle: Man spürt die Straße. Man hat ein Gefühl, zu reisen. Es fühlt sich alles beruhigend an.

Aus Oregon nach Holli.

Wir fanden Ol´ George in Stade. Der Verkäufer, ein Sammler amerikanischer Wagen, hatte ihn erst vor einigen Monaten aus den USA importiert und musste sich von ihm trennen, um andere Reparaturen bezahlen zu können. Er überreichte einen Aktenordner, in dem die Geschichte des Wagens dokumentiert ist. 40 Jahre lang gehörte der Truck George und Johanna Wyckhuyse aus Grants Pass, Oregon. Sie stammt aus der New Yorker Bronx. 1948 zog sie mit ihren Eltern nach Kalifornien, vermutlich auf der Suche nach einem neuen Leben. Sie betrieben ein kleines Delikatessengeschäft, in dem Johanna mitarbeitete, bis sie ihre große Liebe traf: George (der unserem Wagen damit den Namen gab.)  1969 zogen die beiden nach Grants Pass und gründeten eine Baufirma. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie Ol’ George, der Truck, beladen mit Kanthölzern und Zementsäcken durch die dichten Wälder am Rouge River brummte. Nun parkt er vor unserem „Alten Tanzsaal“ nahe der Este und transportiert die Bücher von „Helden des Alltags“ durch den Norden. Wir lieben es, Geschichten zu erzählen, und es passt, dass auch unser Pickup-Truck eine erzählt.

Sein Vorgänger war ein moderner Kastenwagen. Weiß, recht komfortabel, recht sparsam, und ehrlich: total langweilig. Kein Verlagsmitarbeiter wollte gerne mit ihm fahren. Er war praktisch, klar, aber manchmal geht es im Leben eben um mehr. Wer mit Ol` George unterwegs ist, der versteht, dass Autos Menschen zum Reden bringen können. Auf dem Parkplatz vom Supermarkt, an der Tankstelle, überall wird man angesprochen: Wie alt ist der Wagen? Wo kommt er her? Die Leute lächeln, wenn sie Ol’ George sehen und Kinder winken ihm hinterher.

Der Wagen hat eine mintgrüne Seele.

Sie wollen unsere Autoren und Ol’ George für eine Lesung buchen? Sprechen Sie uns an! Kontakt: Henning Horl, Vertriebsleiter. hhorl(ad)ankerherz.de, Tel.: 04165.2238807

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Der Wert eines Buches

4. Dezember 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Eine neue Studie der Umweltorganisation WWF, die in diesen Tagen vorgestellt wird, klagt deutsche Kinderbuchverlage an. In knapp einem Drittel aller Stichproben, die von Büchern genommen wurden, fand man Fasern von Tropenholz. Auf der indonesischen Insel Sumatra sind die Folgen dieser Politik nach Angaben des WWF besonders gravierend. Der Regenwald wird abgeholzt; seltene Tiere wie Tiger, Orang-Utan oder Elefanten drohen deswegen auszusterben. Dass zu den Kinderbuchtiteln, die in der Studie beanstandet werden, „Wunderwelt des Wissens: Regenwald“ oder „Tiere im Wald“ gehören, gibt dem Ganzen einen besonders bitteren Beigeschmack. „Ganz offensichtlich wissen die Buchverlage davon”, zitiert der „Spiegel”. Aus Kostengründen hielten sie aber an der „risikoreichen Produktion” fest.

Wir haben seit der Gründung von Ankerherz vor fünf Jahren, wir haben vom ersten Buch an Wert darauf gelegt, unsere Bücher umweltschonend herzustellen. Wie viele Papiersorten meine Frau Julia bestellte, fühlte, daran roch, es in den Händen hielt, bog, mit den Fingern darüber strich? Es waren sehr viele. Unsere Wahl fiel schließlich auf ein Papier von Munken, einer vergleichsweise kleinen Mühle etwa einhundert Kilometer nördlich von Göteborg, am Ufer des Flusses Örekil. Sie zählt zu den umweltfreundlichsten der Welt. Das Papier aus Schweden ist nach allen Umweltstandards zertifiziert, ungestrichen, holzfrei. Unsere Bücher werden auch in Generationen noch Lesevergnügen bieten, und darauf kommt es uns an. Nachhaltigkeit.

Regensburg statt Guangzhou

Unsere Druckerei arbeitet in Regensburg. In Osteuropa ginge das zwar billiger und in China noch viel billiger (Anbieter im Netz werben mit mehr als 60 Prozent Kostenersparnis), aber wir wollen das nicht. Aus purem Eigennutz: Wir möchten dabei sein, wenn Bücher mit Ankerherz durch die Maschinen laufen; unser Hersteller Peter fährt gerne nach Bayern, um das Cover und das Druckbild zu prüfen. Geht etwas schief, ist es schwierig, jemanden in Guangzhou ans Telefon zu bekommen oder zu besuchen. Die Wahl des Papiers betrifft natürlich auch unsere Kinderbücher. Wäre seltsam, wenn „Käpt´n Kuddel“ oder „Nukka  Isi“ auf Papier unterwegs wären, dass der Umwelt schadet, die wir unseren Kindern hinterlassen. Manchmal maulen Leser darüber, dass unsere Bücher ein wenig teurer sind als andere. Aber das ist eben so.

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Die Schnapsidee

22. Oktober 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Wie überall zu lesen ist, nimmt die Bedeutung von sogenannten „Non-Books“ im Buchhandel zu. Ein Spielzeug für die Kinder, die Lesebrille für Vater oder eine, wirklich, gibt es: Gewürzmischung für Oma. Nun könnte man darüber nachdenken, welchen Zweck eigentlich ein Buchladen erfüllt, der sich darauf versteigt, „Nicht-Bücher“ zu kaufen (das ist fast so, als gebe es in einer Metzgerei „Nicht-Wurst“, dafür aber Gurken, Geranien und Klopapier), aber das ist ein anderes Thema. Die Kollegen vom Steidl Verlag sind auf der Suche nach einem exquisiten „Non-Book“ auf die Idee gekommen, ein Parfum mit Bucharoma herauszubringen. Die Duftkritiken auf Amazon.de sind zwar verheerend, aber immerhin hat Karl Lagerfeld die Verpackung gestaltet. Wir haben mit unserem kleinen Indie-Verlag auch überlegt, was wir anbieten können.

Heraus kam: eine Schnapsidee.

Meine Frau Julia und ich mögen Schottland, die wilde Natur, der Ozean, die Weite, die Einsamkeit. Den Whisky. Whisky spielt auch eine wichtige Rolle in den ersten Büchern „Orkanfahrt“ und „Wellenbrecher“, die Ankerherz herausbrachte. Whisky diente den Kapitänen in ihren Geschichten als Seelentröster, Rettungsboot oder als Talisman. Einer feierte damit sein Überleben nach einem monströsen Sturm. Ein anderer erzählte mir bei einem Glas (mittags um 12 Uhr, bei 30 Grad im Hochsommer), was damals alles besser war. Ein dritter opferte vor jeder Reise Neptun eine gute Flasche, die er über Bord warf. Der Whisky gehört zur Seefahrt wie das Salz zum Meer. Warum nicht beides in eine Kiste packen? Die Idee zur „Meeresbox“ war geboren.

Seit wir drei Kinder haben, sind wir nicht mehr so oft in Schottland unterwegs (für die Kleinen wäre es ein Non-Urlaub, wegen der Non-Sonne und der Non-Strände), aber meine Whisky-Sammlung wächst trotzdem. Im zweiten Jahr von Ankerherz, als es besonders gut lief, schenkten wir allen Freunden und Partnern zu Weihnachten einen feinen Scotch. Die freundlichen Whisky-Händler Corinna und Dietmar von Alba Import, bei denen wir seinerzeit einkauften, konnten sich jedenfalls daran erinnern. Wir fragten nach. Sie mochten die Idee von „Bottle & Book“ und besorgten Proben verschiedener Destillen.

Unsere Wahl fiel auf einen „Highland Park“, 19 Jahre alt, aus der nördlichsten Single Malt-Destille der Welt, von den windumtosten Orkney-Inseln im Atlantik. Fass 1254, um genau zu sein. Wir kauften Flaschen, ließen sie in Schottland abfüllen (298 Buddel gab das Fass her) und suchten ein Motiv fürs Etikett. Ein Foto aus den 1950er Jahren von Kapitän Scharrnbeck, einer Legende der Hamburger Reederei Hapag, gefiel uns besonders gut. Seine Witwe willigte lächelnd ein – Highland Park war der Lieblingsdrink ihres Mannes gewesen. Wir feierten in unserem Alten Tanzsaal eine „Bottle & Book“-Labelparty mit Freunden, in der wir die harte Aufgabe erfüllten, die Flaschen zu bekleben. Manche Etikette, besonders jene, die später aufs Glas kamen, mussten später gerade gerückt werden. Der Spaß in dieser Nacht war alleine die Sache wert. Unser Hersteller, der die blaue Kiste gestaltete, heißt übrigens nicht Lagerfeld, sondern Löffelholz. Es sind nicht mehr viele Kisten auf Lager.

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Der Weltbestseller des Professors Kloppke

28. Juni 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Die Tür schwang auf und ein älterer Herr schritt in unseren Alten Tanzsaal. Grauer Haarkranz, leicht untersetzt, Anzug, er schob unsere Vertriebsleiterin Judith zur Seite, marschierte quer durch den Saal und stoppte vor meinem Schreibtisch.

„Du bist hier Chef?“, fragte er, bellte das fast, und ich fragte mich im Stillen, ob ich auf dem Weg in den Verlag vielleicht versehentlich einen Dackel überfahren hatte.

„Ja. Aber wer bist du?“, fragte ich zurück.

Man weiß ja nie, wer sich nach Hollenstedt verläuft, dem Beverly Hills der Nordheide. Vor kurzem stand mit einem Mal der Schauspieler Ralph Herforth im Saal, der in TV-Filmen häufig und völlig zurecht als schmieriger Bösewichts besetzt wird, und erkundigte sich mit den Worten: „Hömma, ihr seid doch die Schreiberlinge von diesem McQueen-Buch. Was ist das für eine Uhr auf dem Plakat draußen? Recherchierste mal, okay.“ Aber ich schweife ab.

Meine Gegenfrage brachte den energischen Anzugträger nicht aus dem Konzept. „Mein Name ist Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke (für diese Kolumne geändert). Ich habe ein Buch geschrieben, ein großes Buch. Bestsellergarantie! Nun suche ich jemanden, der damit Geld verdienen will. Sie wollen doch Geld verdienen?“

Ich sagte nichts, brauchte ich auch nicht, denn Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke redete weiter. Der Superbestseller, auf den die Welt wartete und mit dem man reich würde, trug den Titel: „Erinnerungstechnik im Alter“. Gewiss ein Thema, das für das ZDF interessant sein könnte oder für die Apothekenumschau, doch ich sah nicht recht den Punkt.

„Wissen Sie, wir verlegen bei Ankerherz Bücher über Helden des Alltags. Kapitäne, alte Ordensschwestern, an Polizisten sind wir dran und ich weiß wirklich nicht, wie …“, weiter kam ich nicht, denn Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke fiel mir ins Wort.

„Dann wird eben jemand anderes damit Geld machen“, zischte er, schritt zur Tür und grußlos ab.

Wir bekommen viele Manuskripte angeboten, knapp ein Dutzend in der Woche, manchmal mehr, und für ein kleines Team wie unseres ist das durchaus ein Problem. Ankerherz wurde auch aus Autorentrotz heraus gegründet und wir pflegen unsere Autoren und Fotografen und Illustratoren, wir haben Respekt vor jedem, der eine leere Seite (oder einen leeren Bildschirm) mit Leben füllt. Anfangs haben wir jede Absage persönlich mit einem kleinen Brief begründet. Doch dann stapelten sich die Skripte, wuchsen zu Papiermonstern, die einen jeden Morgen bösartig anstarrten, und wir beschlossen, die üblichen Verlagsmuster zum Thema „unverlangt eingesandt“ auf unsere Homepage zu setzen. Reine Notwehr.

Tatsächlich fragte ich mich oft, warum wir eine Minute Zeit verwenden sollten, wenn a) unser Verlagsname falsch geschrieben war, b) im Anschreiben acht Rechtschreibfehler vorkamen oder c) der Autor sich nicht die Mühe gemacht hatte, nur einen flüchtigen Blick in Verlagsprogramm zu werfen. Ich las Exposés über Wölfe in Rumänien, schlüpfrige Liebesromane, Gedichte über Katzen, den Erlebnisbericht eines Schulausflugs, Witze (aus den Bergen, von der See, Tiere), eine Verschwörungstheorie, jemand hatte Schiffe katalogisiert. Ein Mann war vor Mallorca gesegelt, bei Windstärke fünf, aber nach seiner Einschätzung Stoff für „einen Klassiker der maritimen Literatur.“ Höhepunkt aber war ein Vorschlag vom Planeten Mars: Darin geht es um „Menschheitsabsicherungplatoos“, die Fremdenlegion und einen gewissen „Marcentauri“. 83000 Wörter. Ich habe, um ehrlich zu sein, nach etwas weniger aufgehört zu lesen.

Im nächsten Frühjahrsprogramm erscheint ein Buch, das ein Fotograf vorschlug. Spannendes, originelles Thema, wundervoll fotografiert, ein talentierter Autor schreibt gerade den Text dazu. Wir freuen uns drauf – und sichten weiter jedes Hundegedicht. Vielleicht ist ein Bestseller unter den Kloppkes, oder zumindest etwas, das Spaß macht.

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Achterbahn um die Welt

30. Mai 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Zweieinhalb Jahre später sitzt man dann also vor dem Fernseher und Markus Lanz sagt: „Ein absolut packendes und ungemein empfehlenswertes Buch“. Dann kommt Bobby Dekeyser ins Bild, erzählt von seinem Leben und von „Unverkäuflich!“. Zweieinhalb Jahre Arbeit stecken darin, zweieinhalb Jahre Erzählen, Aufschreiben, Zweifeln, Gestalten, und als das Buch dann am nächsten Mittag, nach anderen medialen Lobeshymnen unter den Top 20 von amazon.de geführt wird, fühlt sich das an wie der Gewinn einer kleinen Meisterschaft. Jedes unserer Bücher hat eine eigene Geschichte, was daran liegt, dass wir Bücher lieben und alles dafür tun, aber „Unverkäuflich“ ist ganz besonders. Eine Achterbahnfahrt, wie die Story von Bobby Dekeyser – von einem, der die Schule abbrach, im Tor des FC Bayern München stand und aus einem Bauernhof in der Lüneburger Heide eine globale Möbelmarke mit dreitausend Mitarbeitern erschuf.

Es sollte ursprünglich ein heiteres Buch werden, ganz fröhlich, optimistisch, so hatten Bobby und ich es geplant. Wenn ein Buch eine Farbe haben kann, sollte sie ein leuchtendes Orange sein. Doch dann starb Ann-Kathrin, seine Frau, ein Wesen wie ein Engel, mit der er drei Kinder hatte und 24 Jahre lang glücklich verheiratet war. Hirnschlag, Sekundentod mit 44. Es war, als stürze die Welt ein, für jeden, der sie kennenlernen durfte. Wochen nach ihrer Beerdigung saßen Bobby und ich in Hamburg an der Alster, es war ein kalter Herbsttag und wir überlegten, ob es überhaupt weitergehen sollte. Alles schien wie eingefroren. Ann-Kathrins Tod überschattete alles, und wenn wir die Idee verfolgen wollten, war klar, dass der Ton, den das Buch bislang hatte, nicht mehr angemessen war. Kann jemand, der das Wertvollste verloren hat, übers Mutmachen erzählen?

Wir versuchten es, wir machten weiter. Bobby Dekeyser, 48, ist ein Mensch, der immer wieder aufsteht. Nicht so, als sei nichts geschehen. Aber er lässt sich nicht unterkriegen, das hat er nie getan. Ich kenne niemanden, der so ist. Wenn man mit ihm Zeit verbringt, wenn man in seiner Nähe ist, hat man immer so ein Gefühl, dass alles möglich ist. Wir kennen uns seit 2005, seit ich über ihn ein Porträt für die Seite Drei im „Tagesspiegel“ schrieb. »Das Bobby-Prinzip« handelte davon, wie seine Firma mitten in der großen Wirtschaftskrise einen unglaublichen Erfolg erlebte, obwohl er alle Regeln brach. Ich ertappte mich während der Recherche dabei, zu hinterfragen, ob das alles echt war: Zu perfekt, zu glatt, zu schön erschien mir die Geschichte, und hinterher schämte ich mich für den Gedanken, dass etwas nicht stimmen konnte.

Ich glaube nicht, dass er den Artikel wirklich gerne las, doch wir mochten unsere Gespräche, wir spielten Fußball, wir tranken Bier, wir unterhielten uns oft und wurden Freunde. Die Idee, ein Buch zu schreiben, entstand Jahre später, nachdem Bobby seine Firma von den Investoren, an die er sie veräußert hatte, zurückgekauft hatte. Er hielt es nicht aus, dass Mitarbeiter entlassen werden sollten, er konnte nicht zusehen. Zyniker und Skeptiker und Neider haben eine Freude an ihm, denn er steckt voller Widersprüche, die unmöglich aufzulösen sind. Wer ihn als immer fröhlichen Sunnyboy einordnen will, liegt komplett falsch. Das Hauptproblem an der Bucharbeit aber war: Sein Terminkalender hat etwas von einer ewigen Welttournee, und wer ihn treffen will, muss ihn auf seinen Reisen begleiten. Wie viele tausend Kilometer wir in der Luft, auf der Straße und auf dem Wasser zurücklegten, läßt sich nicht sagen. Wir flogen auf die Philippinen, flanierten durch Hongkong, tranken viel Wein in New York, wir fuhren mit seinem Pick-up durch die Schweiz und brausten in einem Motorboot durch einen Sonnenuntergang über dem Genfersee, wir spazierten durch die Lüneburger Heide und schlichen über die Müllberge von Cebu, wir verliefen uns in den Gassen von Marrakesch und wurden in den französischen Alpen eingeschneit.

Während der zweieinhalb Jahre habe ich vieles gelernt. Wie Ann-Kathrin und er haben meine Frau Julia und ich drei Kinder, wie er leiten wir eine Firma. Seine Kinder sind größer und seine Firma ist viel größer, ein Verlag ist etwas anderes als eine Möbelmarke, und doch gibt es Anknüpfungspunkte. Vor allem an den Tagen, an denen man mit dem Rücken zur Wand stand und daran zweifelte, wie es weitergehen konnte, half sein Rat. »Habt Vertrauen, das wird schon«, sagte er manchmal, und das reichte. Wir hatten Vertrauen und es wurde schon.

Ich habe ihm das erste Exemplar von „Unverkäuflich!“ persönlich gebracht, weil sich das unter Freunden so gehört. Er war gerade in Kanada, am Lake Joseph, zwei Autostunden nördlich von Toronto. Die Abendsonne stand auf dem See, es roch nach Holz und nach Lagerfeuer. Wir sind in einem Kanu auf den See hinaus gerudert und dann haben wir die ersten Seiten gemeinsam aufgeschlagen. Eigentlich war der Moment noch besser als jede Lobeshymne oder jede Bestsellerliste. Ich bin sicher, er hätte Ann-Kathrin gefallen.

Freunde beim Fußballspiel in Hamburg: Bobby Dekeyser (rechts) und Stefan Krücken (Ankerherz):

Eingeschneit in Megevé, französische Alpen:

Bobby Dekeyser unterstützt seit vielen Jahren ein Hilfsprojekt des Paters Heinz Kulueke auf einer Müllhalde von Cebu, Philippinen.

Kurz nach dem Tod seiner Frau Ann-Kathrin: Trauerstunden auf Ibiza:

Letzte Textarbeit im Alten Tanzsaal, Ankerherz-Verlag.

Es ist vollbracht: auf dem Kanu, Lake Joseph, Kanada:

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Deadliest Kölsch

14. Mai 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Manchmal ist es hart, Verleger zu sein, besonders dann, wenn die Rolle Bierbons nicht kleiner wird und man es mit jemandem zu tun hat, der gewohnt ist, auf der Beringsee 72 Stunden ohne Pause durchzuarbeiten. Tiefste Nacht in Köln, halb fünf auf der lit.cologne, Aftershowparty im Schokoladenmuseum am Rhein: Selbst Roger Willemsen, der alte Steher, ist nicht mehr zu sehen, auf der Tanzfläche bewegen sich einige mit der Grazie gut gefüllter Bierbottiche. Ich bin müde, wie das eben ist, wenn man im Biorhythmus schulpflichter Kinder lebt, ich bin sogar sehr müde, doch Cameron Glendenning kennt kein Erbarmen. Cameron ist der „Director of photography“ von „Deadliest Catch“, der erfolgreichsten TV-Dokumentation, für die er gerade seinen zweiten „Emmy“ gewann. In der Serie arbeiten Fischer tagelang ohne eine Pause – und die Kameraleute noch zwei Stunden länger, weil sie ihre Aufnahmen herunterladen und ihre Ausrüstung für den nächsten Tag vorbereiten. Für Cameron fängt die Nacht gerade erst an.

„Du willst gehen? Spinnst du? Ich bin wegen euch extra aus L.A. gekommen, fucking asshole“, schnauzt er, grinst breit, schiebt das nächste Kölsch rüber. „Cheers, bro!“

Er hat ja recht, ich weiß das. Ich hebe das Glas und denke darüber nach, wann sein Flugzeug zurück nach Amerika geht: Kurz nach elf. Es gibt also Hoffnung. Weitere zwei Kölsch später ist das Tief überwunden, und Gründe zu feiern gibt es reichlich: Hinter uns liegt ein großartiger Abend auf dem Rhein. Henning Baum, der „letzte Bulle“ und derzeit einer der beliebtesten Schauspieler, las aus unserem Buch „Time Bandit“. Mehr als neunhundert Zuhörer waren auf das Leseschiff „MS Rheinenergie“ gekommen. Wie viele Fans von Baum an Bord kamen, konnte man hören, als Moderator Joachim Frank erwähnte, dass Baum das Lesen des Audiobuchs mehrfach geübt habe: am Bett seiner Kinder. Ein lautes, sehr enttäuschtes Raunen ging durchs Schiff.

Meine Frau Julia, unser Freund Cameron und ich saßen ganz hinten in der letzten Reihe und genossen den Abend. Baum las mit einer Intensität die Geschichte der Fischerbrüder Hillstrand, dass mich Cameron anstupste: „Ich verstehe kein Wort Deutsch, aber der Typ ist so gut, dass es sich genau wie Johnathan Hillstrand anhört.“ Baum las von Sturm und von Wellen und der Unbarmherzigkeit der Beringsee, draußen zog das Panorama des Doms und der Altstadt vorbei. Wir zeigten einen Ausschnitt der Serie (die Sonntagabends auf Dmax läuft), und ein wohliges Gruseln machte sich breit. „Ich weiß nicht, ob ich da rausfahren möchte“, meinte Schauspieler Baum in der abschließenden Talkrunde. Nach dem, was Cameron erzählte, von Seekrankheit, Schlafmangel, von Riesenwellen und Orkan und Eis, dürfte diese Antwort klar sein. Baum, sollte man erwähnen, ist ähnlich wie TV-Kommissar Mick Brisgau, den er so erfolgreich spielt (Einschaltquoten von bis zu fünf Millionen auf Sat1): ehrlich, aufrichtig, sympathisch. Ein Kerl ohne Allüren, mit einer Leidenschaft und Hingabe für die Sache, die heutzutage nicht alltäglich ist.

Tatsächlich war Cameron nur für diesen Abend knapp 20.000 Kilometer weit nach Köln geflogen, und mir schwante schon etwas, als Edmund Labonte, Chef der lit.cologne und ein wundervoller Gastgeber, einen großen Kranz mit Bierbons über den Tisch schob. Wir hatten unser Ankerherz-Verlagsteam eingeladen, aus Berlin und München und natürlich funky Hollenstedt waren alle angereist. Es wurde ein legendärer Abend – nicht ganz so legendär wie die letzte, mit Brennivin befeuerte „Time Bandit“-Partynacht in Hollenstedt, nach der Cameron auf dem Flur des Hollenstedter Hofs übernachten musste, aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist kurz nach Sieben, als wir ins Hotel spazieren. Die Vögel singen schon, es wird ein schöner Sonntag, und es ist auch klar, dass beim Aufwachen eine Großfamilie von Eichhörnchen durch den Schädel toben wird. Deadliest Kölsch.

„Bruder, das hat Spaß gemacht“, raunt mir Cameron zu, als wir uns zur Verabschiedung umarmen. „Aber eins musst du mir versprechen: Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, gehen wir richtig feiern, okay?“

Ausverkauft: Lange Besucherschlangen an der Gangway der „MS Rheinenergie“

Vollbesetzt, kurz vor der Show: MS Rheinenergie

Henning Baum und Cameron Glendenning

Lesung mit Sturmstärke …

Fanandrang bei Frauenschwarm Baum

Hatten Spaß: Cameron und Henning Baum

Gute Laune im Schokoladenmuseum: Julia Krücken (Ankerherz, rechts), Moderator Joachim Frank, halbverdeckt: Zerlina Dreissig (Ankerherz)

Thumbs up: Stefan Krücken (Ankerherz) und Cameron Glendenning

Bildquelle: Stefan Krücken, Peter Löffelholz / Ankerherz Verlag

Stefan Krücken: Am Kap der Stürme

23. April 2012

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Als meine Frau Julia und ich entschieden, es mit „Ankerherz“ zu versuchen, machte ich mir manchmal Sorgen. Nicht so sehr um finanzielle Dinge, um Schulden oder den Vertrieb oder all diesen Kram, mit dem man sich als Verleger rumärgert, sondern um mein altes Leben. Ich war Reporter gewesen für Magazine wie „max“, „GQ“ oder den „Stern“, und es war das aufregendste Leben, das man sich vorstellen konnte: Ich ging mit Hooligans in Glasgow zum Fußball, tauchte mit Orca-Walen in Nordnorwegen, raste in einem Ferrari durch Italien und ritt durch Kanadas Wildnis, landete auf US-Flugzeugträgern vor Pakistan oder verfolgte Londons Paparazzi, ekelte mich vor Rassisten in der Wüste Südafrikas, spielte erfolglos in Las Vegas und weinte mit Kindern auf einer philippinischen Müllhalde. Hongkong, Kitgum, Snake River – mein Leben war eine Dauersendung von Abenteuern. Wie sollte das als Verleger weitergehen?

Doch dann erschien unser Buch „Sturmkap“ – und es zeigte sich, dass die wilden Reisen nicht vorbei waren. In „Sturmkap“ geht es um die Geschichte von Kapitän Jürgens, der 1939 auf dem letzten Großsegler im Liniendienst Kap Hoorn umrundet hatte und dann in eine Welt im Krieg geriet. Sieben Jahre dauerte seine Odysee über vier Kontinente. Wir fragten Axel Prahl, unseren Lieblingskommissar, der selbst eine krumme Biografie hat, ob er das Buch – ein „mitreißender Bericht“ („Stern“), der „viele Menschen in Deutschland bewegte“ (NDR Hörfunk) – als Hörbuch einlesen wollte – und er sagte sofort zu. Wir stellten das Ergebnis im feierlichen Rahmen im Internationalen Maritimen Museum Hamburg vor – und am nächsten Morgen klingelte im Verlag das Telefon. Ein Vertreter der Reederei Deilmann war am Apparat: Ob wir vielleicht Lust hatten, mit Prahl und Kapitän ums Sturmkap zu reisen, an Bord der „MS Deutschland“, dem Traumschiff aus dem ZDF-Abendprogramm? Ich freute mich so sehr, dass ich in diesem Moment selbst Sascha Hehn, den ewigen Steward, geknutscht hätte.

Einige Monate später standen wir drei auf der Brücke und steuerten Kap Hoorn an. 21 Tage sollte unsere Reise dauern, mit den Eisbergen der Antarktis, Walen, Windstärke Zwölf vor den Falkland Inseln, fünfzehn Meter hohen Wellen. Wir saßen bis zum Sonnenaufgang im „Alten Fritz“, der Bar auf Deck Sieben, und hörten Axels Gitarrenspiel und seinem Gesang zu. Wir tranken mit dem alten Kap Hoornier Gin Tonic, bis wir den Überblick verloren, wir lachten und diskutierten und genossen jeden Tag, und als wir schließlich in Buenos Aires von Bord gingen, hatten wir etwas erlebt, das keiner von uns vergessen wird. Der Begriff „Freund“ wird in der heutigen Zeit gerne strapaziert, doch ich denke, wir sind Freunde geworden: der alte, brummige Kapitän, 88, der mittelalte, bisweilen brummige Schauspieler, 52, und ich (wie brummig ich bin, sollen bitte andere beurteilen). Etwas Besonderes war in vielen Stunden auf dem Ozean entstanden. Für mich war es das Verständnis für die Generation meines Großvaters, der Arbeiter gewesen war und nie viel von sich preisgegeben hatte. Und ein Eindruck von der Wut der See in einem Orkan. (Der alte Kapitän hatte den Orkan verschlafen, nur am Rande.)

Die Route:

Das Schiff:

Im „Wohnzimmer“ an Deck Sieben: Axel Prahl, Stefan Krücken (Ankerherz), Kapitän Jürgens:

Ein bisschen Spaß muss sein:

Ushuaia:

Am Kap Hoorn:

In der Antarktis, Bransfield Strait:

Sturm im Südatlantik:

Am Morgen nach dem Sturm und durch den Wind: Axel Prahl, Stefan Krücken:

Die Magie einer Nacht lässt sich nicht wieder holen, doch manchmal blitzt auf, was die Reise ans Sturmkap besonders machte. In Köln durften wir vor zwei Jahren die lit.cologne vor knapp neunhundert Gästen auf dem Rhein eröffnen und erst vor wenigen Tagen saßen wir im ausverkauften Saal des Schlosses von Celle. Axel las grandios wie immer, die Leute hörten auch dem Gespräch der Moderatorin mit dem Kap Hoornier gebannt zu, und als Prahl sein „Sturmkap“-Lied anstimmte, das er zu Ehren des Seemanns für das Audiobuch komponiert hatte, erhoben sich die Besucher von ihren Plätzen. Ich wußte: Meine Sorgen waren unbegründet gewesen. Das Abenteuer geht weiter. Nur ein bisschen anders.

Bildquelle: Stefan Krücken

Stefan Krücken: Was zählt

25. Dezember 2011

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Im Leben jedes Menschen, egal ob Astronaut, Frittenbudenbetreiber oder Ölmagnat, stellt sich irgendwann die Frage: Warum mache ich das eigentlich? Es gibt Berufe, in denen stellt sich die Sinnfrage gewiss häufiger, aber wir wollen hier nicht über Aktienhändler sprechen. In solchen Momenten erinnere ich mich an die schönen Dinge, an den wahren Grund, an den Kern dessen, warum wir Bücher publizieren. An das Gefühl, wenn der Laster auf dem Weg zur Auslieferung in Göttingen eine Palette in unserem Alten Tanzsaal ablädt, an eine Lesung, wenn Zuhörer gerührt sind, an den Stolz, wenn ein Werk ausverkauft ist. In 2011 gab es viele solcher Augenblicke, in denen nichts schöner ist, als Verleger zu sein, und der besonderste Moment hatte etwas mit der Frankfurter Buchmesse und unserem Buch „Godafoss“ zu tun.

In „Godafoss“ geht es um den Untergang des kleinen isländischen Frachters, der im November 1944 von einem deutschen U-Boot versenkt wurde, zwei Stunden vor dem Heimathafen; tragischerweise hatte sich der Kapitän entschieden, entgegen aller Anweisungen zu stoppen und englische Schiffbrüchige zu retten, deshalb war das Schiff ins Visier des U-Boots geraten. Dem isländischen Reporter Ottar Sveinsson war es gelungen, fast alle Überlebenden der Katastophe aufzusuchen und ihre Geschichten zu notieren, und ich hatte den Funker von U-300 entdeckt und interviewt. Die Arbeit am Manuskript zog sich über Monate; Ottar und ich trafen uns mehrfach in Reykjavik und in Hamburg, wir wurden Freunde. Dank Halldór Guðmundsson und Thomas Böhme, den sagenhaften Köpfen von „Sagenhaftes Island“, dem Gastland der Buchmesse, wurde ein Ereignis möglich, das keiner von uns vergessen wird: Wir brachten Sigurdur Guðmundsson, einst Matrose der „Godafoss“, einst 18 Jahre alt, und Horst Koske, damals Funker, damals neunzehn Jahre alt, erstmals zusammen.

Alle waren aufgewühlt vor dem Treffen, sehr nervös, wir überlegten, dass ein Arzt anwesend sein sollte, falls es für die alten Herren zuviel würde; je näher wir im Auto Richtung Frankfurt kamen, desto mehr war zu spüren, welche Bedeutung dieser Tag hatte. Horst Koske, 86, erzählte, dass er bis vor kurzem Alpträume durchlitt, in jeder Nacht einen Sandberg hinauflief, um darin zu ertrinken. Dann kam die große Stunde, Messehalle, isländischer Pavillon, mehrere hundert Zuhörer, es war soweit. Islands Außenminister hielt die Eröffnungsansprache, der Schauspieler Joachim Król las bewegend und wunderbar, und dann rief der Moderator die Namen der Überlebenden. Horst Koske, der gehbehindert ist, stand unsicher auf. Sigurdur Gudmundsson eilte auf ihn zu, er rief: „I don´t hate you, I love you“, dann nahmen sie sich in den Arm und die Tränen liefen, Erleichterung und Rührung, bei den alten Männern und bei allen, die diesem Moment beiwohnen durften.

Als wir Abends in einem Restaurant zusammen aßen, brummte Ottars Handy ununterbrochen. Die Begegnung war Hauptmeldung in allen Nachrichtensendungen, denn der Untergang der „Godafoss“, der 42 Menschen das Leben kostete, ist bis heute ein nationales Trauma für das kleine Land; „Spiegel online“ brachte einen feinen Beitrag, Zeitungen in England und auch der „Corriere della Serra“ berichtete. Am nächsten Morgen durften wir Islands Präsident Ólafur Ragnar Grímsson besuchen, der jedes Detail unseres Buchs bereits zu kennen schien. Das Schönste aber war, den alten Herren zuzusehen, wie sie darin blätterten, wie sie ohne Groll Fotos ansahen, sich von ihrem Leben erzählten, von den Kindern und Enkeln. Als seien sie alte Freunde, als würden sie sich schon immer kennen. Alles machte soviel Sinn an diesem Abend.

Im Frühjahr werden wir nach Island reisen, mit Horst Koske und seinem Sohn. Islands Präsident hat uns eingeladen. Wir werden die Stelle besuchen, vor einem Leuchtturm, an der die „Godafoss“ vermutlich auf dem Meeresboden liegt. Mit unseren isländischen Freunden wollen wir der Opfer der „Godafoss“ gedenken, und es gibt Überlegungen, das Friedenslicht von Reykjavik einzuschalten, eine Lichtinstallation von Yoko Ono, die sonst nur nach dem Geburstag von John Lennon in die Nacht über Island strahlt. Wir freuen uns darauf. Wieder so ein Moment.

Von links nach rechts: Stefan Kruecken (Ankerherz Verlag), Sigurdur Gudmundsson, Horst Koske, Ottar Sveinsson (Reporter Island)

Im Hafen von Reykjavik

Bildquelle: Stefan Krücken
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