Was Menschen mit Büchern machen. Seit 2009. Von Leander Wattig.

Beiträge aus der “Nachwuchs-Stimme” Kategorie

Rebekka Kirsch: Ich kopier mich mal arm

16. Januar 2012

Rebekka Kirsch hat sich in die Buchbranche verliebt. Auf dem Weg, ein Teil von ihr zu werden, stolpert sie als Studentin der Buchwissenschaft/Ökonomie über den ein oder anderen Stein, der dem Nachwuchs vor die Füße geworfen wird, – auch wenn sie versucht, ein paar Steine mit LooksIntoBooks aus dem Weg zu räumen. Sie erzählt uns hier nun Anekdoten aus dem Leben eines ambitionierten Nachwuchsmenschens.

Wer studiert, der benötigt Unterlagen. Entweder sind das die Powerpoint-Präsentationen, Manuskripte, Zusammenfassungen der Folien, Texte aus Lehrbüchern, Übungsaufgaben oder Bücher. Bücher zu kaufen ist eine der leichtesten Unternehmungen, wenn der Geldbeutel denn mitspielt. Aber auch die Möglichkeit, die Bücher in der Bibliothek zu schnappen und einmal durchzukopieren, während man ein Gefühl für monotone Arbeit bekommt, ist nicht gerade günstig.

Ich habe vorher an der WU in Wien studiert und musste für die ersten zwei Semester meine Unterlagen kaufen. Ich klickte mich online durch, druckte die Liste aus und marschierte in den nächsten Uni-Laden. Während ich dann abwechselnd Folienmanuskript, Übungsmanuskript und Buch auf meine Arme schaufelte, kam mir der Gedanke, dass es ja teuer sein könnte. An der Kasse hyperventilierte ich leicht, als ich sah, dass ich 219,- Euro für Unterlagen von 11 Klausuren ausgeben würde. Aber zusätzlich dazu hatte ich online noch bis zu 1.000 Probefragen pro Kurs, alte Klausuren und Folien. Ich war also bis unter die Zähne bewaffnet für die anstehenden Kurse und Klausuren. Und pleite.

Wenn man dann denkt „Ach, ich kopier da mal ’n paar Seiten, das kommt mich günstiger“ dann hat man noch nicht die Stapel lebensnotwendig verkaufter Unterlagen gesehen. Mal 20 Seiten hier, dann 4 da, 17 da, 9 hier, die gesamten Folien zu jeweils viert auf eine Seite gequetscht und nochmal 25 Seiten davon. Und das für einen Kurs. Da man aber nicht nur einen Kurs pro Semester hat und manche Kurse auf sehr viel Text basieren, kann es gut sein, dass „ein paar Seiten ausdrucken“ eben mal kurz 50,- Euro kosten kann. Über das Semester verteilt kommen da noch ein paar Unterlagen dazu: die Folien – die noch nicht online waren – und Texte, die jeweils für die Session online gestellt werden. Ach, ich vergaß: Für die Hausarbeiten, die man schreibt, braucht man natürlich auch noch Materialien.

Man entwickelt sich als Student während des ersten Semesters schon zu einem „Copy-Shop-Dauergänger“, zu einem Druckfarbe-Schnüffler und Ausdruck-Einstellungs-Profi. Wenn man dann nicht im Chaos der Ausdrucke zu ertrinken droht. War jetzt „Mut zur Typografie“ bei „Lesen und Leser“ oder bei „Grundlagen der Typographie“? Und welcher „Saxer-Text“ gehört zu welchem Seminar um Gottes Willen? Da ist Talent in büroähnlicher Organisation gefragt, um nicht den Überblick zu verlieren.

Ich mache es immer ganz einfach: Ich drucke einfach nichts aus und warte bis kurz vor den Klausuren, wenn alle Folien online sind. Die fasse ich dann vom PC aus schriftlich zusammen und arbeite damit. Wenn ich Geld über habe, dann arbeite ich gerne mit echtem Papier, markiere Textstellen und suhle mich in den geordneten Unterlagen, die meine Ordner füllen. Aber weil mir auch noch die Zeit dazu fehlt, sitze ich da und starre mit rotunterlaufenen Augen in meinen PC. In meinem anderen Fach Ökonomie kauf ich mir die Bücher oder drucke die Folien aus – da basiert fast jede Vorlesung nämlich auf einer haupstächlichen literarischen Quelle wie Mankiw oder auf den Folien wie BWL.

Ich frag mich nur, was ich mit dem ganzen Papier anstellen soll, wenn ich fertig studiert habe. Anstatt wie Bücher oder echte Manuskripte, kann ich meine Ausdrucke nicht nach erfolgreicher Klausur wiederverkaufen. Ich hab mich also nicht nur arm kopiert, sondern auch noch einen essentiellen Beitrag zur sinnlosen Verschwendung von Papier geleistet. Da muss ja förmlich als Belohnung ein Job dabei herausspringen!

Bildquelle: Rebekka Kirsch
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Rebekka Kirsch: Höflichkeit und Respekt sind immer angebracht – auch gegenüber Studenten

16. November 2011

Rebekka Kirsch hat sich in die Buchbranche verliebt. Auf dem Weg, ein Teil von ihr zu werden, stolpert sie als Studentin der Buchwissenschaft/Ökonomie über den ein oder anderen Stein, der dem Nachwuchs vor die Füße geworfen wird, – auch wenn sie versucht, ein paar Steine mit LooksIntoBooks aus dem Weg zu räumen. Sie erzählt uns hier nun Anekdoten aus dem Leben eines ambitionierten Nachwuchsmenschens.

Als Student ist man die Elite des Landes – Als Student der Geisteswissenschaften wird man schlussendlich Taxifahrer – Als Student stehen einem alle Türen und Tore offen – Als Student dreht man jeden Cent dreimal um. So viele verschiedene Ansichten gibt es und so unterschiedlich sind diese. Einerseits gibt es die Studenten „elitärer“ Studiengänge, die nur 3 Studenten aufnehmen und der Job am Anfang schon feststeht – quasi in Stein gemeißelt. Dann gibt es die, die studieren, weil sie es toll finden und gerne machen – von den lästigen Klausuren mal abgesehen – und erst noch einen Stein suchen müssen, in den sie irgendwas hinein meißeln könnten.

Nichtsdestotrotz ist man der Meinung, dass man als Student „es zu was gebracht hat“ – für den Anfang zumindest. Mit einem Universitätsabschluss, Bachelor, Master oder Diplom, hat man bessere Einstiegschancen, bessere Gehaltschance, bessere Jobchance und generell bessere Chancen auf alles. Man ist dann „Studierter“ und intellektuell bewandert, hat unglaubliche Magenresistenz in der Mensa und sein Wissen in realitätsnahen Klausurfragen bewiesen. Man kommt sich toll, toller, Student vor und ist sich sicher, wenn jemand mit Branchenköpfen sprechen kann, dann der verheißungsvolle Student.

Irgendwas davon dachte ich auch, zumindest dachte ich, dass ein normales Gespräch zwischen normalen Menschen mit unterschiedlichen Lebenslagen und Erfahrungswerten möglich ist. So kam es, dass ich auf der Frankfurter Buchmesse auf einer der unzähligen Partys, die dort stattfanden und vielleicht sogar noch immer stattfinden, mich mit vielen Menschen unterhalten habe. Zu den Fakten: Ich bin jung, sehe jung aus, laufe weder in Kostüm noch Blazer-Kombi herum und habe kein allwissendes Stirnrunzeln. Kurz und gut: Ich sehe aus wie ein Student.

Nun hatte ich ein anregendes Gespräch über die aktuelle Lage in der Verlagswelt, über das leidige Thema Ebooks & Co. und über die zukünftigen Entwicklungen – also ganz bodenständige Gespräche für Buchmenschen. Wir sprachen höflich, lächelnd, machten Witze, fragten nach… All das, was man im Miteinander eben so tut. Aber offenbar nicht für meinen Gesprächspartner: Als ich erwähnte, dass wir Thema XYZ in der Übung mehrmals besprochen hatten, gingen seine Augenbrauen in Überraschung hoch und er musterte mich seltsam: „Du bist Studentin?“
„Ja.“
„Ah, okay.“
Damit nahm er einen Schluck aus seinem Glas, drehte sich um und ging.
Weg war er.
Und ich stand ungläubig da, kurz davor hysterisch zu lachen.

Auch wenn ein Altersunterschied, ein Wissensunterschied, ein Erfahrungsunterschied oder ein Geschlechterunterschied besteht: Höflichkeit und Respekt sind immer angebracht. Ich weiß nicht, wer er dachte dass ich sei oder wieviel er von den Gläschen schon geleert hatte – auf jeden Fall hätte ich ihm gerne mein leeres Glas hinterher geworfen.

Bildquelle: Rebekka Kirsch
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Rebekka Kirsch: Ein Studentenleben ist (k)ein einfaches Dasein

4. November 2011

Rebekka Kirsch hat sich in die Buchbranche verliebt. Auf dem Weg, ein Teil von ihr zu werden, stolpert sie als Studentin der Buchwissenschaft/Ökonomie über den ein oder anderen Stein, der dem Nachwuchs vor die Füße geworfen wird, – auch wenn sie versucht, ein paar Steine mit LooksIntoBooks aus dem Weg zu räumen. Sie erzählt uns hier nun Anekdoten aus dem Leben eines ambitionierten Nachwuchsmenschens.

Ein Studentenleben ist ein einfaches Dasein. Man besucht die selten statt findenden Vorlesungen oder Übungen, knüpft feuchtfröhliche Kontakte auf den unzähligen Partys die entweder mit seltsamen Mottos oder seltsamen Menschen aufwarten können und schläft bis in die Puppen. Ab und an muss man noch etwas kellnern oder an der Kasse rackern, ansonsten hat man freie Zeit bis zum Umfallen.

Natürlich hat man Zeit, aber „frei“ ist diese irgendwie nicht. Es sei denn meine Definition von „frei“ ist vollkommen aus der Luft gegriffen und der Duden erzählt fantastische Geschichten – wobei man letztere sicherlich gut verkaufen könnte. Ich habe ab und an das Gefühl, dass Mann und Frau, die entweder nicht studieren oder schon aus den Uni-Schuhen rausgewachsen sind, keinerlei Ahnung haben, was alles organisiert werden muss:

Will ich ins Ausland? Wenn ja, wann und wohin und mit welchen Mitteln und wann war da nochmal die Bewerbungsfrist? Wie lange und wie kläre ich das mit der Uni? Muss ich dann ein Semester länger studieren, weil ich einen Kurs verpasse? Praktikum – nur in den Semesterferien oder gleich ein halbes Jahr? Vermiete ich mein Zimmer in der Zeit, wie finanziere ich mein Leben während des Praktikums, wo bewerbe ich mich und wie kläre ich das mit der Uni ab?

Im Bachelor-Dasein gibt es nämlich Module: Die beinhalten Vorlesungen, Kurse, Übungen, Seminare und sonstige Sit-ins. Das Problem dabei ist jedoch, dass es Seminare oder Übungen gibt, die man erst nach der dazugehörigen Vorlesung besuchen soll/darf/kann. Und dann gibt es nicht alle Angebote in jedem Semester – manche nur im Wintersemester und manche eben nur im Sommersemester. Überhaupt nicht verwirrend zum Organisieren.

Das größte Problem stellt jedoch folgendes dar: die praktische Erfahrung in Form eines oder mehrerer Praktika bei einem Verlag oder Zwischenbuchhändler oder Buchhandlung oder oder oder. Denn in den Semesterferien, die manchmal 3 Monate und manchmal nur 1 Monat lang sind, planen viele Studenten ein Praktikum zu absolvieren. Aber ich habe das Gefühl, dass die meisten Arbeitgeber nur mitfühlend lächeln und dem suchenden Studenten die kalte Schulter zeigen – 3 Monate sind eigentlich zu kurz.

„Es fehlt die Zeit zur Einarbeitung.“ ist die gängige Erklärung für die Ablehnung einer Bewerbung. Verständlich, aber sollten die angebotenen Praktika vielleicht keine Arbeitsplatz-Ersatzmaßnahme sein, sondern tatsächlich nur einen Einblick in den Arbeitsablauf bieten? Denn ein halbes Jahr in einer anderen Stadt, eventuell sogar ohne Bezahlung (Wir wollen Praktikanten, aber die wirtschaftliche Lage, Sie verstehen schon.) und mit dem Problem der Uni-Organisation, das produziert Langzeit-Studenten.

Vergessen, einen Kurs vom nächsten Jahr vorzuziehen, bevor man ein Praktikum macht? Upsi, ein Semester dran hängen. Keine Zeit, 10 Klausuren in einem Semester zu schreiben? Tja, dann haste dein Bachelor halt nach 4 statt 3 Jahren. Etwas reifer sein schadet doch nicht.

Da lobe ich mir Studiengänge wie in Leipzig, die Praxiserfahrung fix in das Studium einbauen und man somit nichts „verpasst“. Zwar müssen wir in Erlangen auch Praxiserfahrung in einem gewissen ECTS-Umfang haben, aber es wird erwartet, diese in den Semesterferien zu machen. Und sicherlich dachte man sich: Studenten haben Zeit, haben keine Semesterferien-Jobs, Verlage schlagen sich um Kurzzeitpraktikanten und etwas mehr Druck im verkorksten Bachelor kann doch nicht schaden.

Ach, hoffen wir einfach, dass die Praxiserfahrung und das erlernte Organisieren von der längeren Studienzeit und dem abgehetzten Blick in unseren Augen etwas ablenkt, wenn wir uns bewerben.

Bildquelle: Rebekka Kirsch
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Rebekka Kirsch: Der Studiengang Buchwissenschaft ist prädestiniert, der Knüller aller Gespräche zu werden

25. Oktober 2011

Rebekka Kirsch hat sich in die Buchbranche verliebt. Auf dem Weg, ein Teil von ihr zu werden, stolpert sie als Studentin der Buchwissenschaft/Ökonomie über den ein oder anderen Stein, der dem Nachwuchs vor die Füße geworfen wird, – auch wenn sie versucht, ein paar Steine mit LooksIntoBooks aus dem Weg zu räumen. Sie erzählt uns hier nun Anekdoten aus dem Leben eines ambitionierten Nachwuchsmenschens.

Es gibt Studiengänge, die sich bestens eignen, jedes aufkeimende Gespräch sofort zunichte zu machen. Dazu gehören zum Beispiel BWL oder Wirtschaftsinformatik, denn mehr als ein interessiert klingendes „Aha“ kann man auf die Auskunft, was man denn studiert, in diesen Fällen nicht antworten. Im Gegensatz dazu ist Buchwissenschaft prädestiniert der Knüller aller Gespräche zu werden.

Bisher habe ich nämlich noch niemanden getroffen, der auf meine Aussage, ich studiere Buchwissenschaft, mit profanen Studiengangkennntnissen reagiert hätte. „Ach, da liest man Bücher oder so.“ „Buch… was? Also Germanistik?“ „Da übersetzt man Bücher, nicht wahr?“ Das sind die möglichen Antworten, die sich abwechseln und mir nur noch ein müdes Augenverdrehen abringen. Nachdem ich dann in einem standardisierten, einer Kurzpräsentation gleichkommenden Vortrag die Buchwissenschaft als Studiengang umrissen habe, erwarten mich mehrere Reaktionsmöglichkeiten – je später der Abend und je eher die Umgebung einer Party ähnelt, desto langsamer und unverständlicher können diese Reaktionen sein:

„Ich hätte nicht gedacht, dass man soviel wissen muss, um nur ein Buch rauszubringen.“ „Wow! Wenn ich gewusst hätte, dass es sowas gibt…“ „Also eigentlich Journalismus/Medienwissenschaft/Kommunikationswissenschaft? Nur so voll auf das Buch und so bezogen!“ und natürlich mein Lieblingsspruch, der mein Gegenüber schlagartig unsympathisch macht: „Warum sollte man denn sowas studieren, das ist doch voll übertrieben – ein Buch rausbringen ist doch voll easy, also wirklich.“ Meist kann ich darauf nur mit einem abschätzigen Blick reagieren, denn jede verbale Verteidigung wäre bei solchen Menschen verlorene Mühe.

An sich ist alles sehr einfach. Der Mediziner sucht nach dem, was uns krank macht und macht uns wieder heile. Der Architekt schaut, dass ein Gebäude adrett aussieht und einigermaßen stabil ist. Der Buchwissenschaftler achtet darauf, dass ein Buch lesbar ist und in gedruckter oder digitaler Form in den Regalen von irgendwelchen Läden liegt. Eigentlich sehr einfach gestrickt, wären da nicht so die ein oder anderen Probleme:

  • Der gekonnte Umgang mit Adobe Indesign,
  • das Erkennen von typographischen Fehlern und das Korrigieren dieser,
  • fundiertes Wissen über die drei Wirtschaftsstufen und Institutionen in der deutschen Buchbranche,
  • das Know-How über den Zwischenbuchhandel und „Wie kommt ein Buch zum Kunden“,
  • das Funktionieren eines Verlags aus wirtschaftlicher Sicht,
  • die Anpassung an die Neuen Medien und neue Formen,
  • das richtige Marketing,
  • die überzeugend unauffällige PR,

Es gibt eine Vielzahl an Punkten, die für mich ein Studium der Buchwissenschaft rechtfertigen und für mich persönlich gesehen einen Vorteil bringen. Aber ein Spruch halte ich mir immer vor Augen: „Wenn der Bauer nicht arbeiten kann, schimpft er auf‘s Werkzeug.“

Das Werkzeug für einen Buchmenschen kann man auf mehreren Wegen kennenlernen, nicht immer ist ein Studium für alle der beste Weg. Die einen entscheiden sich für eine Ausbildung und dann ein Studium oder andersrum oder nur eine Ausbildung, es gibt die praxisorientierten und die theorieorientierten Menschen. Hauptsache ist jedoch, dass man weder Theorie noch Praxis vernachlässigt und mit Leidenschaft versucht, betrunkenen Technik-Studenten das Studium der Buchwissenschaft näher zu bringen – auch wenn diese schon Probleme mit dem Trinken aus der Bierflasche haben.

Bildquelle: Rebekka Kirsch

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