Autoren brauchen Sichtbarkeit, damit Leser sie finden können. Dafür sorgt Kerstin Carlstedt mit ihrer ‚Interview Lounge‚. Mit ihr holt sie Autoren vor die Kamera und erlebt dabei so einiges. Ein paar dieser Geschichten teilt sie hier mit uns in ihrer Kolumne ‚Autoren Action‘.

Autoren auf Video für die Ewigkeit zu bannen, hat etwas Aufregendes. Für beide Seiten – für die Person vor der Kamera sowieso, aber auch für diejenige, die hinter der Kamera alles im Griff, alles im Blick haben muss… oder müsste.

Als Fernsehjournalistin habe ich immer mal wieder gestandene Männer vor der Kamera (sinnbildlich) zittern gesehen. Und auch jetzt – obwohl ich niemand mit wirklich unangenehmen Fragen quälen möchte – beherrscht immer ein kleines bisschen Lampenfieber die Situation.

In meinem Fall ist die Sache klar: Ich muss unendlich viel im Blick behalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass – trotz perfekter Vorbereitung – irgendetwas schief gehen könnte – oder zumindest nicht optimal läuft – ist unendlich hoch. Seit ich als Videojournalistin unterwegs bin, bin ich nicht mehr „nur“ für das Konzept, den Zeitplan, Drehplan, die Interviewfragen zuständig. Ich muss auch noch die ganze Technik beherrschen – da prallen Welten aufeinander!! Ich bin immer ein wenig panisch: Sind die Kamera-Akkus, die Licht-Batterien, die Mikrofon-Batterien voll im Saft? Hab ich das Stativ dabei oder versehentlich irgendwo stehen lassen? Und habe ich auch ein Exemplar von dem Buch zur Hand, über das ich gleich reden möchte, und meine Interviewfragen? Wundersamerweise sind mir in den eineinhalb Jahren, in denen ich Autoren möglichst interessant, möglichst schmeichelhaft ins Bild zu rücken versuche nur selten richtige Pannen passiert.

Die erste Panne war noch vergleichsweise undramatisch: Ich hatte beim Plaudern mit dem Autor vergessen, das Kabel des externen Mikros in die Kamera zu stecken. Das Ergebnis war nicht perfekt, aber durchaus sendbar: http://interview-lounge.tv/wolfgang-metzner-im-gesprach/

Es gibt Schlimmeres. Als ich einmal mit Buchhändlerinnen zum Interview verabredet war, steckte zwar das Kabel des externen Mikros in der Kamera – nur leider hatte ich vergessen, einen Schalter am Mikro umzulegen. Diesmal gab es gar keinen Ton, also auch kein Video. Peinlich.

Anfang des Jahres bat ich die Autorin Katrin Seddig („Runter kommen“, „Eheroman“) in meiner eigenen Küche vor die Kamera. Bei Kaffee und Keksen entführte mich Katrin in die komplizierte Welt der Zweierbeziehungen und ihrer entsprechenden Abgründe. Alles war sehr schön und interessant, das einzige Problem zeigte sich später im Schnitt: Die Küchenlampe spiegelte sich im gläsernen Küchenschrank, vor dem Katrin saß, und zauberte einen Heiligenschein über ihren  Kopf: http://interview-lounge.tv/katrin-seddig-spricht-uber-den-eheroman/

Aber irgendwie passte es zu ihr – und irgendwie gibt es ja auch keine Zufälle… Katrin nahm den Patzer mit Humor und bestand netterweise nicht auf eine Wiederholung des Drehs…

Immer wieder lustig ist es auch, wenn ich unter Beobachtung der Öffentlichkeit drehe. Beispielsweise hatte ich bei der Leipziger Buchmesse 2012 Felicitas Hoppe vor der Kamera. Auf einer Buchmesse sind natürlich viele Profis von den  Fernsehsendern vor Ort, alte Kollegen also. Besonders die Kameraleute sind auf Redakteure wie mich, die sich erdreisten, ohne Kamerateam einfach selbst Videos zu drehen, nicht gut zu sprechen. Mir war gleich dieser Kameramann am „Fischer“-Stand aufgefallen. Damals noch naiv, dachte ich nicht daran, dass es ein Problem geben könnte. Alles lief prima – Kamera, Ton … alles perfekt. Frau Hoppe ist eine begnadete Interviewpartnerin, die nicht nur verschriftlicht tolle Geschichten erzählen kann. Wenn da nicht dieser Kameramann gewesen wäre, der, kurz nachdem das Interview begann, lautstark sein Equipment zusammenfaltete und vor der einzigen Lichtquelle, die mir für Hoppes Gesicht zur Verfügung stand, herumhopste – ganz offensichtlich um mein Interview zu ruinieren. Als ich ihn auf sein Verhalten ansprach, tat er ganz unschuldsvoll.

Allerdings zeigt nichts an dem fertigen Video die schwierigen Umstände, unter denen es entstanden ist: http://interview-lounge.tv/gesprach-mit-felicitas-hoppe/

Ein Jahr später war meine Kollegin Gabriele Rechberger auf der Leipziger Buchmesse. Sie beklagte sich im Nachhinein sehr über die Geräuschkulisse, die einen ungestörten Dreh oft unmöglich machte. Denkwürdig an dem Material, dass sie mir zulieferte, war eine Szene, in der sich Hans Christoph Buch gezwungen sah, eine Vertreterin seines eigenen Verlags zur Ordnung zu rufen, die in unmittelbarer Nähe lautstark mit einer Bekannten klönte, während er aus seinem aktuellen Buch vorzulesen versuchte:

(Video)

Fazit: Mit dem Filmen ist es wie mit dem Fahrradfahren. Solange man im Auto fährt, kann man sich nicht vorstellen, wie sich der Fahrradfahrer fühlt, der von einem vorbeischießenden Fahrzeug geschnitten wird. Und solange man selbst nicht vor der Kamera war, fehlt einem jedes Verständnis dafür, wie stressig es sein kann, wenn einer nebenan Krach macht.