Was Menschen mit Büchern machen. Seit 2009. Von Leander Wattig.

Beiträge aus der “Aus dem Lektorat” Kategorie

Ulrike Ritter: Ein kleines Jubiläum. Und ein bisschen Nachdenken darüber

6. August 2013

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Und auf einmal ist man selbstständig. „Wir prüfen Ihre Unterlagen und schicken Ihnen dann Ihren Gewerbeschein zu. Bis dahin können Sie ab heute auf eigenes Risiko schon Ihr Gewerbe ausüben.“ Es ist jetzt fünf Jahre her, dass der Herr auf der Gewerbebehörde in Linz an der Donau das zu mir gesagt hat. Aufregend war das damals – und ziemlich glücklich macht es mich heute noch. Alles in allem ist Selbstständigkeit eine tolle Sache. Das ist beileibe keine Neuigkeit und von der viel beschworenen zeitlichen, räumlichen und organisatorischen Flexibilität der Selbstständigen will hier sicher niemand mehr lesen. Auch nicht von den klassischen Ängsten und Sorgen rund um schwankende Einkünfte und niedrige Jahresumsätze, Flauten und miserable Auftragslagen. So manches Wölkchen trübt das schöne Bild vom Selbstständigsein und trotzdem bleibt bei mir das Gefühl von Befriedigung in der Arbeit. Das hat ganz wesentlich damit zu tun, dass Auftraggeber Feedback geben: Wenn etwas gut war, erfährt man das; wenn etwas nicht ok ist, kriegt man das erst recht mit. Also kein stupides Alltagsarbeiten ohne Bewertung und direkte Reaktion, wie das im Angestelltenleben so oft der Fall ist.

Ich habe mir in der letzten Zeit überlegt, was für mich als freie Lektorin in den vergangenen Jahren anders geworden ist. Das große Schlagwort lautet in meinem Fall: Kernkompetenz. Im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit habe ich neben Lektorat und Redaktion auch noch Pressearbeit erledigt – weil ich Anfragen dazu hatte. Irgendwann habe ich mir selbst gegenüber den Mut aufgebracht, das Bauchgefühl namens „Ich mag so was nicht machen“ umzuwandeln in die Aussage „Tut mir leid, ich biete so etwas nicht an“. Der Zwang, auf jede Anfrage und jede mögliche Beauftragung positiv reagieren zu müssen, ist bei mir mittlerweile nicht mehr so stark vorhanden. Ich kann mich nicht zurücklehnen und darauf verlassen, dass jederzeit genug Aufträge da sind. Aber ich kann in der Zwischenzeit klarer definieren, wie sich der Bereich, in dem ich arbeiten möchte, abgrenzen lässt. Diese Abgrenzung hat für mich tatsächlich etwas mit „Kompetenzen“ zu tun: Ich weiß, in welchen Arbeitsgebieten ich mich wohl fühle, was ich gut kann und wo im Gegensatz dazu meine eigenen Ansprüche an Professionalität nicht zu 100 Prozent erfüllt sind. Ich glaube, dass diese ganz pragmatische Form von Evaluierung der eigenen Arbeit ein wichtiger Baustein im Selbstständigenleben ist. Darum bin ich heute „nur“ Lektorin und Redakteurin, nicht auch noch Werbetexterin und Pressefrau.

Ganz gravierend verändert hat sich in der Lektoratsarbeit meine Herangehensweise an Texte. Mein Jobbackground ist ein rein kultureller, deswegen lag es nahe, Kunst und Kultur zum Schwerpunkt zu machen – das war auch von vornherein das Ziel. Heute betreibe ich dieses Kulturlektorat ganz stark von einer inhaltlichen Warte, während ich mich zu Beginn der Selbstständigkeit (so empfinde ich das zumindest in der Rückschau) zwar ambitioniert mit der Thematik der Texte beschäftigt habe, letztendlich aber wesentlich pragmatischer – aus der Position einer „Korrekturleserin“ heraus – an die Sache herangegangen bin. Formale Textbearbeitung – also Korrekturlesen – und inhaltliche Auseinandersetzung im Dialog mit dem Auftraggeber verschmelzen heute miteinander. Für mich selbst bedeutet das, dass freies Lektorat im engsten Wortsinne „Arbeit am Text“ ist – in der gleichen Form, wie man das üblicherweise mit der Arbeit eines Verlagslektors verbindet. Mein Wunsch oder mein Vorhaben ist es, mit Auftraggebern zusammenzuarbeiten, die mich als freie Lektorin nicht als gesichtslose Dienstleisterin, die dummerweise in einem fertigen Manuskript noch Tippfehler findet, sehen, sondern die mich als Partnerin bei der Entstehung eines Textes oder eines Druckwerkes zulassen. Das klappt natürlich nicht in allen Aufträgen, die der Arbeitsalltag bringt, aber ich freue mich wirklich und ehrlich über jedes Projekt, das in dieser Grundstimmung über die Bühne geht. Und ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Wunsch zwar auf eine ganz bestimmte Art von Auftraggebern angewiesen bin, dass ich aber mit einem so geschärften „Selbstverständnis“ auf einem guten Weg bin. In diesem Sinne: herzlichen Glückwunsch zum fünften Geburtstag, textstern*!

Ulrike Ritter: Eine Lektorin, die nicht lesen kann

30. Juni 2013

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Vor einiger Zeit hat bei uns zu Hause zur Debatte gestanden, den Fernseher abzuschaffen. Ich habe eingewendet, dass ich fernsehen entspannend finde. Tatsächlich habe ich früher, bevor unsere Tochter geboren wurde, in Arbeitspausen vom Lektorieren oder Schreiben tagsüber gelegentlich für 10, 15 Minuten den Fernseher angeschaltet, quasi zum Gehirnausleeren. Das Gegenargument meines Mannes war damals, dass ich meine Pausen ja anders verbringen könne, zum Beispiel mit Lesen. Da war ich baff: Eine Lektorin, die den ganzen Tag über Texten sitzt, soll in der Pause lesen?

Das, was hier so banal klingt, ist tatsächlich ein Knackpunkt, der mir im Magen liegt: Ich habe nur noch wenig Motivation fürs „normale“ Lesen als Freizeitbeschäftigung. Den ganzen Tag über bin ich mit dem Wahrnehmen, haarscharfen Beobachten und Aufsaugen von Textstrukturen und Inhalten beschäftigt, sodass ich mittlerweile registrieren muss, dass für mich das Lesen als Selbstzweck nicht mehr unmittelbar mit Entspannung verbunden ist. Zumindest dann nicht, wenn das Lesen Kontrastprogramm zum Arbeiten sein soll. Ich liebe (vergöttere!) meinen Job und kann mir keinen anderen vorstellen – und trotzdem klingt das, was ich da gerade geschrieben habe, irgendwie negativ, oder? Beinahe so, als ob ich nur von Berufs wegen lese und das nicht freiwillig mache …

Ich habe darüber nachgedacht: Vermutlich hat die vertrackte Situation ganz schlicht mit dem Aufmerksamkeitslevel beim Lektorieren zu tun. Sorgfältig, im Schneckentempo, Silbe für Silbe, manchmal auch Buchstabe für Buchstabe durchforstet man Texte, um Fehler aufzustöbern oder nach der schöneren, runderen, optimaleren Formulierung zu suchen. So spannend und interessant das Lektorieren inhaltlich auch meistens ist – es ist doch anstrengend. Am Ende des Tages lässt die Aufnahmefähigkeit deutlich nach. In der Sichtweise der Blickbewegungsanalyse wechseln Fixationsphasen – also das Verharren auf bestimmten Wortteilen oder Worten – mit Sakkaden – dem ruckartigen Springen zu den folgenden Fixationspunkten. Durch die spezifische Leseeinstellung beim Lektorieren (sozusagen durch das Vorhaben, „analytisch“ zu lesen) zwingt man sich dazu, diesen Rhythmus aus Fixationen und Sakkaden zu verlangsamen, sodass Detailgenauigkeit entstehen kann. Wenn Sinn und Argumentationsfolgen nicht eindeutig oder verständlich sind und wenn Ermüdung eintritt, kommt es zu sogenannten Regressionen, also zum Zurückspringen auf frühere Fixationspunkte, was zur Folge hat, dass Wortteile, Worte, Satzteile oder ganze Sätze noch einmal gelesen werden müssen. Diese Regressionen (die tollerweise nicht nur ein wissenschaftliches Konstrukt, sondern unmittelbar spürbar sind) kennt sicherlich jeder, der über längere Zeit anspruchsvolle Texte liest – und natürlich auch „professionelle Leser“ wie Lektoren sind vor ihnen nicht gefeit. Irgendwann ist also die Ermüdung da, und für mich bietet dann das „Freizeitlesen“ unabhängig von den Inhalten keine echte Erholung mehr.

Meine private To-do-Liste in puncto Romanelesen wird also wohl erst einmal noch weiterwachsen. Und ich beneide jeden, der tagein, tagaus immer nur lesen kann …

Ulrike Ritter: Korrigieren oder lektorieren? Oder beides?

25. März 2013

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Ich lese immer wieder von Lektorenkolleginnen und -kollegen, die in ihrem Portfolio zwischen den Leistungen Korrektorat und Lektorat unterscheiden, das eine billiger und kompakter, das andere teurer und zeitaufwendiger. Schwierig, denke ich mir dann immer: Wie machen die das bloß?

Theoretisch ist die Abgrenzung glasklar und eindeutig: Während es im Korrektorat um eine rein pragmatische Textkontrolle – also um Orthografie, Grammatik, Zeichensetzung, bei Arbeitsgängen im Layout auch um Silbentrennungen und Umbrüche – geht, wird der Aufgabenbereich im Lektorat um die Überprüfung und Verbesserung von Satzbau, Stil, Lesbarkeit, Stringenz und textimmanenter Logik ergänzt. Je nach Art des Lektorats kommt eine Faktenüberprüfung hinzu. Die Vorgänge im Lektorat können durchaus also in die Richtung redaktioneller Bearbeitung gehen.

Als Lektor – und da sind sich bestimmt alle einig – hat man das Ziel, einen Text so zu verbessern bzw. im weiteren Sinne zu optimieren, dass er nicht nur fehlerfrei, sondern auch gut und flüssig lesbar ist. Wie geht man aber vor, wenn man zwar vorhat, ein reines Korrektorat zu erledigen, beim Lesen aber auf holprige Sätze, unschöne oder womöglich sogar sinnverstellende Konstruktionen (Knackpunkt sind da beispielsweise oft Substantiv-Verb-Kombinationen), auf Probleme beim Satzbau und bei der Wortreihenfolge, auf Wiederholungen, Redundanzen, und, und, und stößt?

Was passiert beispielsweise im Korrektorat, wenn wir – als fiktives Beispiel – davon lesen, dass „die Wissenschaftler Müller und Maier die Erkenntnis festgestellt haben, dass XY vorliegt“ und eben nicht, dass „die Wissenschaftler Müller und Maier zu der Erkenntnis kamen, dass XY vorliegt“? Das Beispiel mag hanebüchen wirken, verdeutlicht aber ganz gut, was ich meine. Dem Auftraggeber kann man mit einem Korrektorat dann zwar einen um formale Tipp-, Komma-, Grammatik- und Orthografiefehler bereinigten Text übergeben, muss dabei aber wohl hinnehmen, dass der Text sprachlich nicht zwingend korrekt sein muss. Das Korrektorat ist klarerweise unverzichtbarer Teil des Lektorats, beide können in meinen Augen aber nur Hand in Hand gehen.

Natürlich gibt es Manuskripte, die so gut sind, dass ein reines Korrekturlesen ausreichend ist – nichtsdestotrotz fühle ich mich als Lektorin dazu verpflichtet, zumindest kontrollierend einen Blick auf alle „Tiefenschichten“ des Textes zu werfen. Ist die Frage, wie – um bei dem Bild zu bleiben – „tief“ man an einem Text arbeitet, also womöglich auch eine der Selbstverpflichtung?

Ulrike Ritter: Sensible Daten. Wie weit darf der Lektor gegenüber dem Autor gehen?

4. Januar 2013

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Der freie Lektor ist ein Dienstleister, der seine Arbeit – im Hinblick auf den fertigen Text oder das veröffentlichte Buch als Endprodukte – weitgehend unsichtbar verrichtet. Das klassische Korrektorat beruht auf ganz pragmatischen und neutralen Kriterien und ist also eine Tätigkeit, bei der man zumindest theoretisch davon ausgehen kann, dass sie jeder gute Lektor in der gleichen Art und Weise ausführen kann, ohne dass dabei große Unterschiede auffallen. Anders ist das bei der Form des freien Lektorats, die sich auch mit Stil und Formulierungen beschäftigt und gemeinsam mit dem Autor echte Textarbeit betreibt. Hier ist es kaum möglich, dass der Lektor seine eigene Person verbirgt. Denn natürlich hat jede aktive Beschäftigung mit Texten viel mit der persönlichen Wahrnehmung von Textqualitäten und Stilebenen, mit dem Empfinden von passenden und unpassenden Formulierungen, ganz schlicht auch mit Geschmack zu tun. Umso wichtiger ist es daher, einen Konsens zwischen Autor und Lektor zu finden und zu definieren, wie weit die Eingriffe im Lektorat gehen dürfen. Das Schöne dabei: Dieser Konsens wird meist ohne direkte Absprache gefunden.

Ich finde es immer wieder – im positivsten Sinne – erstaunlich, dass die Autoren jener Texte, denen hochkomplexe, je nach Textart auch theoretische oder wissenschaftliche Konzepte zugrunde liegen, am offensten gegenüber dem Arbeitsschritt Lektorat sind. Was das Sicheinlassen auf die Möglichkeiten des freien Lektorats betrifft, scheint es wohl zwei Arten von Autoren zu geben. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die beim Schreiben schon ab dem ersten Tastenanschlag die Rezeption ihrer Texte mitbedenken und die deswegen das Lektorat als sozusagen „assistierende Textoptimierung“ verstehen. Auf der anderen Seite befinden sich meiner Erfahrung nach diejenigen, die beim Schreiben nicht von vornherein primär eine bestimmte Veröffentlichungsstrategie verfolgen und deren Texte auch über ihre Fertigstellung hinaus unheimlich eng mit der Person des Autors verbunden bleiben – so sehr, dass Lektoratseingriffe als Kritik am Autor und nicht als Verbesserungsvorschläge zum Text empfunden werden.

Beide hier entworfenen Typen der Autorenschaft sind berechtigt. Aufgeräumt werden muss lediglich mit der Vorstellung, das freie Lektorat verändere einen Text so grundlegend, dass sich der Autor nicht darin wiederfindet. Ganz im Gegenteil! Jeder Autor hat seinen Stil, seine Eigenarten, durch die er (wieder)erkennbar wird, seine Lieblingsformulierungen, womöglich auch seine Schrulligkeiten. All diese charakteristischen Dinge soll der Text auch während des Lektorats behalten, ergänzt um das, was sich mit den Schlagworten Verständlichkeit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Klarheit und formale Korrektheit beschreiben lässt. Im Gegensatz zum Verlagslektor will der freie Lektor – zumindest will ich persönlich das nicht – keine Bewertung über einen Text, kein Urteil über das Vermögen des Autors abgeben. Mein Anspruch ist es, für eine kurze Weile – bis ein Text oder ein Buch fertig ist – zum Partner des Autors zu werden. Misstrauen ist also gar nicht nötig …

Ulrike Ritter: Entscheidungsfreiheit! Oder doch nicht?

1. August 2012

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Kleine gelbe Hinterlegungen im Duden sind immer wieder Anlass für Uneinigkeit: die Dudenempfehlungen. Wie sinnvoll sind sie? Widersprechen sie in vielen Fällen nicht der Logik (und dem Hausverstand sowieso) und ignorieren den inhaltlichen Kontext, in dem eine Schreibweise steht? Die Diskussionspunkte sind seit Jahren zahlreich, ebenso wie die Kritiker. „Angesichts der hohen Anzahl von Schreibvarianten, die die neue Rechtschreibung vorsieht […], zeichnet der ,Duden‘ mit einer gelben Hintergrundfarbe jeweils eine Schreibung als Vorzugsschreibung aus. Diese Dudenempfehlung ist als Hilfestellung für alle diejenigen gedacht, die ohne großen Aufwand in ihren Texten einheitlich schreiben möchten. Die Empfehlungen geben das wieder, was der Dudenverlag bei seinen eigenen Werken als Hausorthografie zugrunde legt.“ So liest man im Vorwort der 24. Dudenauflage. Einheitlichkeit ist hier also das Kriterium, das Duden ins Feld führt. An sich doch eine prima Sache. Weit weniger neutral klingt eine Erläuterung im Abschnitt „Zur Wörterbuchbenutzung“ (hier ebenfalls zitiert nach der 24. Auflage, S. 13): „Für alle, die sich nicht selbst zwischen den erlaubten Schreibvarianten entscheiden möchten, sind die Varianten, die im Dudenverlag selbst bevorzugt werden, gelb unterlegt.“ Jeder, der den Dudenempfehlungen folgt, hat also keine eigene Meinung und trabt wie ein Herdentier stillschweigend und kritiklos der Dudenredaktion hinterher? So lässt sich das beinahe lesen.

Gleich vorweg: Ich persönlich korrigiere auf Basis der Dudenempfehlungen. Mir geht es darum, dass ich auch bei umfangreichen Manuskripten gewährleisten kann, durchgängig dieselbe Schreibweise einzusetzen. Ein Kunde, der regelmäßig bei mir lektorieren lässt, soll sicher sein, dass in der fünften Drucksorte nicht auf einmal eine andere Variante verwendet wird als in der ersten. In diesem Sinne haben die Dudenempfehlungen für mich keine andere Funktion als die, die auch Wordinglisten besitzen. Das Ziel ist Einheitlichkeit – nicht mehr und nicht weniger. Die Dudenempfehlungen werden so schlicht zum Arbeitstool.

Mit der Verwendung des Wortes „Hausorthografie“ schwächt Duden die Relevanz der Empfehlungen selbst empfindlich ab. Mit einer verbindlichen Vorgabe haben wir es also nicht zu tun. In diesem Lichte erscheinen beispielsweise Regeln von Presseagenturen oder firmeninterne Schreibweisen nicht weniger durchschlagkräftig als Dudens Empfehlungen. In Wirklichkeit scheint der Konflikt um die Dudenempfehlungen also vorrangig um die Frage zu kreisen, ob man Duden als Instanz in puncto Rechtschreibung akzeptiert oder ihm kritisch gegenübersteht und entsprechend vermutlich keine „Entscheidungshilfe“ annehmen wird.

Die Empfehlungen sind eine Mixtur aus neuer Rechtschreibung und Schreibweisen, die vor der Rechtschreibreform üblich waren – sicherlich ein Nachteil beim Handling. Hin und wieder fehlt auch die – sozusagen – interne Kohärenz, beispielsweise dann, wenn zwar die Zusammenschreibung bei „gewinnbringend“, aber die Getrenntschreibung bei „Erfolg versprechend“ empfohlen wird – wenn es einen strukturell-formalen Unterschied zwischen beiden Worten gibt: Für mich ist er nicht offensichtlich. Immer wieder kommt die Dudenempfehlung auch über die Wortbetonung zustande: So empfiehlt Duden zum Beispiel das auf der ersten Silbe betonte „hochgelobt“, dafür aber das endbetonte „hoch dotiert“ (dessen Betonung ich persönlich eher auf der ersten Silbe sehen würde). Und schon steckt man mittendrin in Einzelbeispielen und im Dilemma, die die Dudenempfehlungen zum leichten Opfer von Kritik machen.

Aber letztendlich ist vielleicht alles halb so schlimm: wenn wir die Dudenempfehlungen als das sehen, was sie vom Wortsinn her sind – Vorschläge, Anregungen, Ratschläge.

Ulrike Ritter: Nachschlagen oder nachfragen

2. Juli 2012

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

113 Paragrafen hat „Die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung“. Paragrafen mit Unterpunkten, Beispielsätzen, Ausnahmen, Sonderfällen. Es gibt also Unmengen an Stoff, für die sich Tag für Tag beim Korrigieren und Lektorieren anwenden lassen. Oder aber Stoff, in dem beim Nachschlagen die passende Regelung ausfindig gemacht werden muss. Viele Dinge hat man aus dem Lektorenalltag heraus komplett verinnerlicht und problemlos parat, bei anderen Problemen will man sich nur rückversichern, dass man bereits die richtige Fährte eingeschlagen hat (auch wenn man sie in der Vergangenheit schon zig Mal nachgeschlagen hat – lieber noch mal nachgucken), oft sucht man auch nach Anwendungsbeispielen, die sich auf den eigenen Fall übertragen lassen. Und dann gibt es noch die Situationen, in denen man auch durch intensives Blättern im Regelwerk und allen möglichen anderen Büchern nicht zu absoluter Sicherheit gelangt – bei Duden wird das gern „sprachlicher Zweifelsfall“ genannt, was dem Verlag sogar die Herausgabe eines eigenen Bandes wert war.

Wenn bei mir gar nichts mehr hilft, greife ich zum Hörer, um die Damen und Herren der Duden-Sprachberatung zu befragen. Dieses Angebot ist, soweit ich immer wieder höre, unter Lektoren nicht unumstritten, denn die aus Deutschland, der Schweiz und Österreich erreichbaren 0900-Nummern haben einen beachtlichen Minutenpreis. Rechtschreib- und Sprachberatungsstellen (viele davon kostenpflichtig) gibt es etliche. Angefangen bei Wahrig, der Duden-Konkurrenz, über Dienste, die von germanistischen oder linguistischen Instituten der Universitäten oder Hochschulen betrieben werden, bis hin zu den Sprachauskünften, die man bei der Gesellschaft für Deutsche Sprache einholen kann. Und, und, und. Nicht zu vergessen natürlich Onlineforen von Lektoren, in denen sich meist sehr fruchtbare Diskussionen führen lassen. Jeder Lektor wird sich bei Bedarf wohl die Variante aussuchen, die im konkreten Fall am verlässlichsten, solidesten, naheliegendsten erscheint oder die die schnellste Lösung verspricht.

Der „Sprachberatungsmarkt“ ist also durchaus vielfältig und in vielen Fällen hochpreisig. Ich persönlich (und ich werde für diese nach Werbung klingende Aussage nicht bezahlt) bin von der Souveränität und Versiertheit der Mitarbeiter der Duden-Sprachberatung, die in den meisten Fällen ohne jedes Zögern eine Antwort samt stichhaltiger Begründung parat haben, ziemlich beeindruckt und nutze diesen Dienst trotz seiner Kosten wirklich gern. Vor dem Hintergrund eines virtuellen Stundensatzes lasse ich die Effizienz entscheiden: ein paar Minuten teures Telefonat oder eine Stunde verzweifeltes Blättern.

In meinen Augen ist es jedenfalls nichts Verwerfliches, sich auch als Lektor hin und wieder Hilfe bei sprachlichen Problemen zu suchen. Das ist für mich kein Armutszeugnis für die Kompetenz eines Lektors. Ich bin überzeugt, dass gerade mit einem breit gefächerten und soliden Wissen über Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik eine Sensibilität dafür entsteht, dass sich nicht jeder im Regelwerk angeführte Beispielsatz in Struktur und Sinn übertragen lässt. Aus dieser Grundsituation entsteht wohl oder übel hin und wieder Unsicherheit über die Anwendbarkeit von Regeln, über die man recherchieren – oder sich eben im Notfall austauschen muss.

Ulrike Ritter: Nur mal schnell was lesen …

4. Juni 2012

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Steuerberater, Ärzte, Anwälte, Physiotherapeuten. Das sind Berufsstände, von denen erwartet wird, dass sie jederzeit Freunden und Bekannten Auskunft in Fachfragen geben. Der einen tut das Knie weh, der andere hat Probleme mit der Steuererklärung. „Du, jetzt muss ich dich mal was fragen“, dürfte die wohl berüchtigtste Wendung in solchen Gesprächen sein. Die Befragten nehmen dann meist Reißaus …

Die Arbeit von Lektoren und Lektorinnen ist – soll man sagen: glücklicherweise? – nicht in diesem Maße im Alltag verankert wie bei Berufen, die unmittelbar mit Themen unserer Lebensrealität zu tun haben. Was man allerdings als Lektor häufig hört, ist die Bitte, „nur mal schnell“ etwas zu lesen. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich die Vermutung, dass jemand, der täglich beruflich liest, das auch mit enormer Schnelligkeit tun muss. Quasi als Tätigkeit, die man so sehr verinnerlicht hat, dass sie ohne jede Aufmerksamkeit vor sich geht.

Sicher kann man einen Lektor bitten, einen Text zu überfliegen – mit Lektoratsarbeit hat das aber natürlich wenig zu tun (und kaum jemand wird dafür zahlen wollen). Ganz im Gegensatz zum Schnellleser-Image lässt sich (mit etwas Mut) die Behauptung aufstellen, dass Lektoren die wahrscheinlich langsamsten Leser sind. Vier, fünf, vielleicht auch sechs Seiten in der Stunde sind das maximale Pensum, das ich mir beim Lektorieren vornehmen kann. Wohlgemerkt meine ich damit Normseiten, die wesentlich weniger Text enthalten als eine „normal“ gefüllte A4-Seite. Es gibt allerdings auch Texte, bei denen sich in der Stunde drei, manchmal auch nur zwei Seiten erledigen lassen. Das bedeutet nicht, dass diese Texte mit Fehlern übersät sind – ganz im Gegenteil sogar. Entscheidend ist für mich hier die Frage nach der inhaltlichen Komplexität; nach dem Anspruch des Lektors, auch jenseits von Rechtschreibung und Grammatik einzugreifen und stilistische Optimierungsaufgaben zu übernehmen; nach dem Abstimmungsbedarf mit dem Autor; nach dem Rechercheaufwand; nach dem Wunsch, nicht nur Fehler zu korrigieren, sondern einen richtig schönen, richtig runden Text zu schaffen.

Klar: Die Dinge, die ich hier nenne, müssen nicht zwangsläufig zu den Aufgaben des Lektors gehören – zum Beispiel dann nicht, wenn sich der Auftraggeber ein schlichtes Korrektorat wünscht; auch dann nicht, wenn die Grenzen dessen, was der einzelne Lektor als seinen Aufgabenbereich ansieht, überschritten sind.

Was in meinen Augen bleibt, ist der Fakt, dass der Zeitaufwand beim Lesen der limitierende Faktor in der Arbeit von Lektoren ist. Hundert Seiten an einem Tag: Das klappt einfach nicht. Die erwartete Gründlichkeit beim Lektorieren verlangt Langsamkeit. Man muss sich als Lektor nur trauen, das nicht als Schwäche zu sehen.

Ulrike Ritter: Der Lektor – das unbekannte Wesen

16. Mai 2012

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

„Aha. Und was macht man da so?“ So oder so ähnlich sieht oft die Reaktion aus, wenn ich erzähle, dass ich als freie Lektorin selbstständig bin. Erst wenn das Wort „Korrekturlesen“ ins Spiel kommt, können sich die meisten Leute etwas unter meiner Arbeit vorstellen. Kritiker sagen, man sei ein Nörgler von Berufs wegen und fürchterlich pingelig. Als ob es nicht egal sei, ob da ein Bindestrich oder ein Gedankenstrich stehe. Und was denn überhaupt der Unterschied zwischen beiden sei. Außerdem dürfe man doch mit der neuen Rechtschreibung ohnehin alles so schreiben, wie man will. Die andere Front, die Lektoratsbegeisterten und die überzeugten Kunden, freut sich über die enorme Detailverliebtheit und Genauigkeit. Schließlich liest man beim Lektorieren tatsächlich Buchstabe für Buchstabe, im Zeitlupentempo und jeden Satz meistens mehrmals. Doch Lektoren sind nicht nur Tippfehlersucher. Immer wieder sorgt es für Überraschung im positivsten Sinne, was sich stilistisch aus einem Text herausholen lässt, wie leicht meistens der Lesefluss verbessert werden kann, welche unscheinbaren kleinen Faktenfehler sich oft verbergen. Allzu oft wird so auch das freie Lektorat jenseits der Verlage zu einer echten und tiefen Arbeit am Text.

Der Nachteil am Job? Man kann nicht mehr „normal“ lesen. Mein Mann beispielsweise kann davon ein Lied singen, wenn ich vor dem Fernseher sitze und entrüstet auf den Bildschirm zeige, dorthin, wo in einem Werbeslogan (wie so oft) ein Bindestrich fehlt. Obwohl ich ständig und überall unaufgefordert Fehler finde, bin ich davon überzeugt, dass ein Lektor trotzdem nicht unfehlbar sein kann. Die Frage „Habe ich auch ja nichts übersehen?“ und das Wissen um die Tatsache, dass ein Mensch keine Maschine ist und deswegen ein Lektor die 100-prozentige Fehlerfreiheit zwar anstreben sollte (und muss!), sie aber nicht garantieren kann, sind für mich Teil einer gesunden Selbsteinschätzung meinem Beruf gegenüber.

Muss ein Lektor in den Duden verliebt sein? Ich bin’s! Das Herumreiten auf Absätzen aus dem, wie es offiziell heißt, „amtlichen Regelwerk“ oder das geduldige Blättern im sogenannten „grünen Duden“, dem Band 9 aus der Duden-Reihe über sprachliche Zweifelsfälle – in meinen Augen eines der reichsten Nachschlagewerke zum Thema –, können viele Leute nicht nachvollziehen. Womit wir wieder beim Wort „pingelig“ wären. Und anscheinend bei der Tatsache, dass Lektoren genau das sind. Aber Spaß macht’s, das Pingeligsein!