Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Tobias Kiwitt

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Wer ich bin? Das ist eine wirklich schwierige Frage und könnte philosophisch werden. Ja, lach. Aber ich habe genau deshalb lange davor zurückgeschreckt, diesen Fragebogen auszufüllen. Ich habe mir schon überlegt: „Vielleicht beschreibe ich stattdessen, wer ich nicht bin?“ Denn das weiß ich sehr genau.

Aber gut. Ich traue mich. Also, wer bin ich?

Mit Namen heiße ich Tobias Kiwitt. Ich bin von Beruf Rechtsanwalt auf dem Gebiet des Urheber- und Verlagsrechts tätig und seit dem Jahre 2008 ehrenamtlich tätiger Vorstandssprecher des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA) e.V. Zudem bin ich Initiator des Aktionsbündnis für faire Verlage (Fairlag).

Okay, es ist unschwer zu erkennen: Ich setze mich für die Interessen von Autorinnen und Autoren ein. Darüber hinaus schreibe ich. Wenn ich belletristisch unterwegs bin, arbeite ich meist unter einem anderen Namen. Vorwiegend bin ich momentan aber im Fach- und Sachbuchbereich unterwegs und veröffentliche dort auch unter meinem bürgerlichen Namen.

Was ich mit Büchern mache? In erster Linie lese ich sie. Es gibt so viele so wunderbare Bücher und ich entdecke immer wieder neue. Und ganz viele anderen Bücher werden von mir nie entdeckt werden, obwohl sie auch wunderbar wären.

In zweiter Linie schreibe ich welche, wenn ich überhaupt dazu komme. Denn ich bin beruflich beschäftigt und habe eine Leidenschaft: Ich gestalte gerne. Ich gestalte gerne, indem ich mich für eine Verbesserung der Ausgangsbedingungen für junge Literaten gerne engagiere. Ich habe in diesen Fällen also mehr mit den Autoren zu tun, als mit Büchern. Ich liebe es mit Menschen zu tun zu haben, die auch für Bücher ihr Herzblut investieren.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Als Rechtsanwalt bin ich freiberuflich tätig. Ich arbeite an Schriftsätzen, durchdenke die besten Vertragsklauseln und Verhandlungsstrategien, trete bei Gericht als Prozessanwalt auf und vertrete Mandanten. Neben Autoren sind dies vorwiegend auch medizingeschädigte Patienten, denen ich zu ihrem Recht verhelfe. Dies ist eine weitere Leidenschaft von mir, die ich hier aber nicht weiter vertiefen möchte, da sie nicht so viel mit Büchern zu tun hat – mit der Ausnahme, dass ich über das Medizinrecht auch ein Buch geschrieben habe.

Oft kommen Autoren zu mir, die mit ihren Verlagen Probleme haben. Andere vertrete ich, damit es erst zu keinen Problemen kommt: Ich verhandele für Autoren und Literaturagenturen den optimalen Verlagsvertrag mit Verlagen. Ein immer wieder aufkehrendes Problem sind unseriöse Verlagsverträge.

Die Freude ist meist bei Autoren sehr groß, wenn ein Verlagsvertrag vor ihnen liegt. Doch mindestens genauso groß sind die Fallen, die sich in Verlagsverträgen verbergen können. Ich rate jeden Autor dazu an, den Verlagsvertrag zu verhandeln. Denn was tun Sie, wenn Sie eine Wohnung mieten: Sie verhandeln den Mietvertrag. Was tun Sie, wenn Sie ein Auto kaufen: Sie verhandeln den Kaufvertrag. Nicht anders ist es bei einem Verlagsvertrag. Ich motiviere Autoren, ihre Rechte engagiert gegenüber Verlagen zu vertreten.

Damit bin ich auch schon bei dem Ehrenamt: Denn so viel anderes tue ich da eigentlich auch nicht. Ich bin tätig für den Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA). Der BVjA versteht sich als ein Verband, der noch nicht etablierten Autoren eine Plattform bietet. Dabei meint „jung“ nicht das Lebensalter, sondern wir haben das Bestreben, Autoren jeden Alters durch Informationen und Kontakte den Weg ins Literaturgeschäft zu erleichtern.

Mit anderen großartigen und für die Sache streitenden jungen Autoren engagiere ich mich für die junge deutschsprachige Literatur. Der BVjA gibt Literaturzeitschriften heraus, gibt Rechtsberatungen an junge Autoren, Erstlektorate an Mitgliedern, wir veranstalten Literaturwettbewerbe. Kurz: Wir geben jungen Autoren eine Lobby.

Als ich in den Vorstand gewählt worden bin, war es zunächst mein Ziel, mich gegen die schwarzen Auswüchse an den Rändern der Verlagslandschaft zu engagieren. Immer wieder hörte ich von Unternehmen, die sich als „Verlag“ bezeichnen, jedoch überhaupt nicht als Verlag tätig sind. Der Begriff „Verlag“ kommt von „Vorlegen“, d.h. der Verlag legt Geld für einen Autor vor und übernimmt das unternehmerische Risiko für den Autoren. Doch genau dies tun sog. Pseudoverlage und Druckkostenzuschussverlage nicht. Sie lassen sich im Vorfelde von Autoren bezahlen. Je mehr ich recherchierte, um so mehr wurde mir bewusst, dass etwas getan werden muss. Ich erfuhr von Bauernfängerei-Methoden, die jeder Beschreibung spotten.

Gemeinsam mit dem Bundesvorsitzenden des Verband deutscher Schriftsteller, Imre Török, sowie den wunderbaren Kollegen Nicole Pfister-Fetz (Autoren der Schweiz) und Gerhard Ruiss (IG Autoren Österreich) rief ich ein Aktionsbündnis ins Leben: Das Aktionsbündnis für faire Verlage (Fairlag). Das Bündnis wird heute von über 60 Literatureinrichtungen der D-A-CH-Staaten getragen. Auch viele prominente Autoren, darunter Elfriede Jelinek, Günter Grass und andere, und sogar Parteien unterstütz(t)en das Bündnis mittlerweile. Wir arbeiten auch über den deutschsprachigen Bereich hinaus mit Autorenverbänden innereuropäisch zusammen. Denn das Problem ist ein nicht auf den deutschen Sprachraum beschränktes Problem. Vor allem im angelsächsischen Raum (dort heißen diese Unternehmen „Vanity Press“, d.h. Eitelkeitsverlage), im frankophonen und romanischen Sprachraum sowie in Skandinavien existieren einige solcher Unternehmen.

Die Gründung des Aktionsbündnisses stieß aber natürlich auch auf Gegenwehr, die noch heftiger ausfiel, als wir es erwartet hatten: Uns war klar, dass wir uns hier mit Menschen anlegen, die wenig Skrupel haben. Doch einige schwarzen Schafe der Branche machten sogar mit übelsten Einschüchterungsversuchen auf sich aufmerksam. Schon vor der Gründung des Bündnisses am Welttag des Buches, 23. April 2008, flatterten Drohschreiben und Abmahnschreiben von deutschen Pseudoverlagen in die Briefkästen der sich beteiligenden Unterstützerverbände. Vor allem aus dem Umfeld eines Pseudoverlages, der sich mit dem Namen Goethes schmückt, ist sodann eine unsägliche Verleumdungs- und Diffamierungskampagne gestartet worden. Initiatoren des Aktionsbündnisses, und damit vorwiegend auch ich, wurden auf das übelste diffamiert und versucht mundtot zu machen. Nicht allein die öffentliche Meinungsäußerung, sondern bereits die interne freie Meinungsbildung sollte unterbunden werden.

Solche Vorgehensweisen haben mit einer Kultur des Wortes absolut nichts zu tun und sind ein Schlag ins Gesicht aller gewissenhaft und seriös arbeitenden Verlage und Autorenverbände. Im Rahmen von Gerichtsverfahren wurden diese Unternehmen wiederholt zu Unterlassung und auf Schadenersatz verurteilt. Ein paar Verfahren dauern bis heute noch an. Wir haben den Finger in die Wunde gelegt und offensichtlich ins Mark getroffen.

An dieser Stelle möchte ich vor allem auch Manfred Plinke erwähnen und danken, der mit seinem Autorenmagazin sehr wichtige Arbeit leistet und einen entscheidenden Anteil am Erfolg der Arbeit für faire Verlagsbedingungen hat.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Die Arbeit ist mit der Zeit immer vielfältiger geworden. Zunächst wurde die Fairlag-Arbeit vorwiegend so wahrgenommen, dass wir einzig gegen die schwarzen Schafe der Verlagsbranche auftreten würden. Doch mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass wir uns allgemein für faire Verlagsbedingungen engagieren.

Denn vor mindestens genauso große Herausforderungen werden wir von seriösen Verlagen gestellt: Wir haben es ständig mit Verlagen zu tun, die durchaus seriös sind, doch in ihren Verlagsverträgen Klauseln enthalten haben, die nicht hingenommen werden können. Auch ein zunehmendes Problem sind Kleinverlage, die Autorenhonorare nicht auskehren.

Erst heute ist mir wieder ein solcher Vertragspassus vor die Augen gekommen. Es heißt dort:

„Die Vertragsdauer beträgt 7 Jahre ab Erscheinen des Werkes. Zieht der Autor 6 Monate vor Ablauf der Nutzungsdauer die Option, die Rechte zurückzuerhalten, überlässt der Verlag die Daten gegen Zahlung von 60 % der Gestehungskosten. Wenn er die Option nicht zieht, verlängert sich die Nutzungsdauer stillschweigend um weitere 2 Jahre, es sei denn, der Verlag will die Nutzungsrechte zurückgeben. Hierfür gelten dieselben Fristen.“

Eine solche Klausel ist schlichtweg unakzeptabel. Ich rate dringend davon ab, derartiges als Autor zu unterschreiben.

Immer wieder kontaktieren mich Autoren, die erst später feststellen, was sie überhaupt unterschrieben haben. Es ist in der Regel nicht so einfach, aus einem einmal abgeschlossenen Vertrag wieder herauszukommen. Es gilt die Regel: pacta sunt servanda (einmal geschlossene Verträge, gelten).

Im konkreten Fall konnte dieser Vertragspassus rausverhandelt werden. Sollte dies nicht gelingen, raten wir dazu an, den Verlagsvertrag nicht zu unterzeichnen.

Solche Fälle zeigen, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein und mit dem Verlag zu verhandeln.

Zur Leipziger Buchmesse 2015 haben wir eine neue Aktion gestartet: Gemeinsam mit der Messeverwaltung veranstaltet der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen ein Verlagsspeeddating unter dem Namen „Meet & Greet“. Im Rahmen eines Autorenpitchings werden seriöse Verlage auf junge Literaten aufmerksam gemacht. Das ist ein sensationeller Erfolg. Es freut mich riesig, wenn sich junge Autoren an uns richten und berichten, dass sie auf diese Weise einen Verlag gefunden haben.

Der BVjA veranstaltet zudem eine Offene Bühne zur Leipziger Buchmesse. Wir geben veranstalten regionale Stammtische und Regionalgruppentreffen unter Mitgliedern. Und natürlich ist ein weiterer Höhepunkt unserer Arbeit unser alljährliches BVjA-Buchmesseseminar, dass wir zur Frankfurter Buchmesse mehrtägig ausrichten.

Zudem sind wir einer der Verbände, der sich im Rahmen der Autoreniniative für einen fairen Buchmarkt engagieren und die Aktion Lieblingsbuch mitinitiieren. Mit dem im Jahre 2014 veranstalteten Autorenprotest gegen Amazon hatten wir großen Erfolg. Über 2.000 Autoren haben ihre Stimme erhoben und sich gegen die Monopolisierung des Buchhandels ausgesprochen.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Mitunter fühle ich mich wie ein Wanderprediger, wenn es um das Thema „Pseudoverlage“ geht. Zeitweise dachte ich, dass es doch mittlerweile bei jedem angekommen sein muss: Unternehmen, die von Autoren Geld verlangen und damit das unternehmerische Risiko auf Autoren abwälzen, kehren das Verlagsprinzip fundamental um. Sie gefährden die Verlagslandschaft in Deutschland. Diese Unternehmen setzen sich des Verdachts aus, alleine für ihre wirtschaftlichen Interessen zu arbeiten. Die Initiative „Rico Beutlich“ der 42er Autoren hat dies vor einigen Jahren sehr schön und anschaulich unter Beweis gestellt.

Doch wenn ich z.B. Autorenrundgänge über Buchmessen veranstalte und mit jungen Autoren ins Gespräch komme, die noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn stehen, merke ich: Nein, meine Arbeit fängt gerade erst wieder von vorne an. Mit großen Augen schauen mich Autoren an, die mich ganz verwundert fragen: „Wie, und die Buchveröffentlichung ist für mich ganz kostenlos?“ Ja, das ist sie. Wirklich. Und das zum Glück. Das ist das Wesen eines Verlages. Ein Schauspieler zahlt ja auch nicht an seinen Filmregisseur, sondern lässt sich von diesem bezahlen. Als Autor bringen Sie Ihre Arbeitsleistung ein und haben ein Anrecht darauf, hierfür bezahlt zu werden. Vor allem darf es nicht so sein, dass Sie sogar noch für Ihre Arbeit den Verlag zu bezahlen haben. Das wäre doch absurd!

Unsere Website www.fairlag.info ist ein Versuch, zu informieren und auf diese Weise eine Lösung anzubieten, mich nicht ständig aufs Neue wiederholen zu müssen. Es ist mir unmöglich, auf die Gefahren von Pseudoverlagen und unfairen Verlagen unentwegs wie ein Leierkastenmann aufmerksam zu machen. Doch es bedürfte eigentlich noch viel mehr Möglichkeiten, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen.

Es ist wie mit Sisyphos: Der Kampf gegen die Windmühlenräder fängt immer wieder von vorne an. Doch genau dies macht die Arbeit für junge Literatur auch immer wieder spannend. Auf geleistete Aufklärungsarbeit auszuruhen, gilt nicht. Junge Literatur wächst zum Glück immer wieder nach. Das ist auch ein sehr beglückendes Gefühl: Zu wissen, dass gute Literatur immer und immer wieder geschrieben werden wird und man sich dafür engagieren kann, dass sie gute Rahmenbedingungen erhält. Und wenn junge Literatur dann Erfolg hat, ist es ein beglückendes Gefühl. Dieses Gefühl wünsche ich vielen Menschen und lade deshalb dazu ein, sich für junge Literatur sich zu engagieren, z.B. beim Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA).

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Sie sind Politiker oder Journalist? Sie sind ein Autor, der unfaire Verlagsklauseln angeboten bekommen hat? Sie möchten sich auch für junge Literatur engagieren? Genau Sie suche ich.

An den Politiker: Was Pseudoverlage tun, kann gesetzlich weitgehend unterbunden werden. Am besten, wir setzen uns zusammen. Bei einem Kaffee oder Tee besprechen wir, was getan werden müsste. Einige Vorarbeit haben wir hier auch schon geleistet.

An den Journalisten: Aufklärung über unfaire Verlagsbedingungen tut Not. Zu der Sisyphos-Arbeit gehört es, immer wieder aufs Neue durch Presseberichte, TV-Berichte und Radiobeiträgen auf unseriöse Verlagspraktiken aufmerksam zu machen. Unsere Website alleine reicht nicht aus, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Wir haben die notwendigen Informationen und die notwendigen Autorenkontakte. Kontaktieren Sie uns und Sie haben schon bald einen interessanten Fernsehbericht im Kasten, oder Ihre Zeitung mit einer interessanten Reportage bereichert.

An den Autor: Wenn Sie unfaire Verlagsklauseln in Ihren Verträgen finden, teilen Sie es uns mit. Wir sind auf Ihre Informationen angewiesen. Nur wenn Sie uns informieren, können wir gemeinsam vielleicht dafür sorgen, dass nicht noch weitere Autoren sich diese Klauseln gefallen lassen (müssen). Gemeinsam arbeiten wir für mehr Fairness im Verlagsbetrieb.

Wo finden wir Sie im Internet?

Im Internet finden Sie mich:

  • Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (www.bvja-online.de)
  • Aktionsbündnis für faire Verlage (www.fairlag.info)
  • Rechtsanwaltskanzlei Medi:res – Kanzlei für Medizinrecht, Medienrecht und Mediation (www.anwalt-medires.de).

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Antje Kroeger