Alexander Emmerich: Wir möchten Buchschaffende in Paris stärker vernetzen

Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Alexander EmmerichWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Mein Name ist Alexander Emmerich. Seit 2007 arbeite ich als Autor und schreibe hauptsächlich Sachbücher, Hörbücher und Krimis. 2014 habe ich die Schreibtischseiten gewechselt und zusammen mit der Autorin Cristina Stanca-Mustea den Zauberberg Verlag gegründet. In diesem Verlag erschien 2015 auch mein erster Roman „Fernsehen gernsehen“ und Cristinas Schwedenthriller „Das Geheimnis des Mittsommers“.

Im Laufe der letzten acht Jahre habe ich beinahe jeden einzelnen Schritt des Buchmachens begleitet, Verlage beraten und „irgendetwas mit Büchern“ gemacht. Als Verleger habe ich nun endlich die freie Entscheidungsmöglichkeit, meine Erfahrungen anzuwenden und schnell zu reagieren, wenn sich etwas Neues in der Buchbranche tut. Darauf freue ich mich.

Durch meinen Familienhintergrund bin ich zudem sehr an der französischen Literaturszene interessiert, weshalb der Zauberberg Verlag auch ein kleines Büro in Paris hat. Mit Bedauern sehen wir gerade, wie die beiden letzten deutschsprachigen Buchläden in der französischen Hauptstadt schließen, denn wir würden gerne die deutschsprachige Szene in Frankreich mit französischen Buchmenschen zusammenbringen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Jeder Tag ist anders… Genau das würden wahrscheinlich die meisten aus unserer Branche schreiben. Aber das ist es ja, was sie letztlich so spannend aber auch so unglaublich attraktiv macht. Im Zauberberg Verlag bin ich in alle Schritte des Buchmachens involviert. Ich hecke gerne mit meinem Team neue Ideen für den Verlag aus, diskutiere mit Autoren deren Manuskripte, kümmere mich darum, dass die Bücher in den Handel kommen, und versuche ständig und mit der Hilfe von jungen, schlauen Köpfen und alten Hasen, neue Ideen für die Branche zu entwickeln. Vielleicht haben all die unterschiedlichen Arbeitstage zumindest eines gemeinsam: Sie sind alle viel zu kurz. Ich könnte mich gut und gerne 48 Stunden am Tag mit Büchern beschäftigen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Bereits als Autor habe ich immer eng mit meinen Verlagen zusammengearbeitet. Da ich vor der Verlagsgründung neben meiner Autorentätigkeit zudem in der digitalen Welt gearbeitet habe, stand ich meinen Verlagen immer auch mit Rat und Tat zur Seite, was die jeweilige Online-Kommunikation betrifft. In den letzten Jahren konnte ich eine wachsende Bereitschaft beobachten, sich auf die digitale Welt einzulassen. Die digitale Welt kann Verlage, Leser, Autoren und Buchhändler näher zusammenbringen. Wenn man aufeinander hört, können alle Seiten davon profitieren.

Durch die Verlagsgründung selbst hat sich natürlich viel für mich persönlich verändert. Zeit zum Schreiben habe ich kaum noch. Dafür suche ich nun ständig selbst nach Autoren und deren Geschichten. Oder mir fällt eine Geschichte ein, die wunderbar zum Zauberberg Verlag passen würde, und ich muss „nur“ noch den richtigen Autor dafür begeistern, weil ich sie selbst nicht schreiben kann…

Auch der Blick als Verlegers auf die Branche und auf die eigenen Autoren ist ein anderer. Ich hoffe daher immer, dass meine Vergangenheit als Autor mich zu einem besonderen Verleger macht, der nicht an den Autoren vorbei arbeitet.

Auch wird man als Verleger anders wahrgenommen. Am deutlichsten habe ich dies gemerkt, als der große und von mir sehr verehrte Nick Hornby mir zur Verlagsgründung und zum Erscheinen von „Fernsehen gernsehen“ gratuliert hat, obwohl er selbst eigentlich gerade voll und ganz mit seinem neuen Roman sowie mit dem 20. Jubiläum von „High Fidelity“ beschäftigt sein müsste.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Bislang haben wir für jedes Problem die passende Lösung gefunden. Daher bin ich sehr stolz auf alle, die beim Aufbau des Verlags mit angepackt haben.

Was mich aber zum Start des Verlags überrascht hat, war der Vorwurf, dass der Zauberberg Verlag ja „neu“ sei! In anderen Branchen erfindet man immer wieder Dinge, die vermeintlich „neu“ sein sollen, wie die „neue Formel, die Wäsche noch sauberer macht“, obwohl man eigentlich nur alten Wein in neuen Schläuchen verkauft. In der Buchbranche scheint „neu“ eher hinderlich zu sein. Man ist unsicher und kann nicht absehen, wohin sich neue Dinge im Buchmarkt entwickeln. Aber da man ja nur einmal neu ist, sollte man dieses „Label“ trotzdem unbedingt nutzen.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Eine Herausforderung ist, dass wir „Entwicklungsromane“ suchen. Oder „Adoleszenzromane“, „Bildungsromane“ oder „Coming-of-Age-Geschichten“ oder wie auch immer man dieses Genre nennen mag. Wir suchen Geschichten über das Erwachsenwerden, über die Suche nach Freundschaft, nach einem Zuhause. Dieses klassische Genre scheint mir eingestaubt. Es funktioniert im Angelsächsischen wunderbar, nur hierzulande hat man es nahezu vergessen. Daher haben wir uns entschlossen, diesem Genre neues Leben einzuhauchen und die „Sammlung Zauberberg“ auf die Beine gestellt, deren erste drei Entwicklungsromane „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ von Aleks Wiercinski, „Horizont der Ewigkeit“ von Elfie Böge und „Fernsehen gernsehen“ von mir gerade erschienen sind. Also, wenn jemand einen fertigen Entwicklungsroman oder eine schöne Coming-of-Age-Geschichte in der Schublade hat – schreibt uns an!

Darüber hinaus suchen wir deutsch-französische Buchschaffende, um uns in Paris stärker zu vernetzen, auszutauschen und eventuell gemeinsame Projekte anzugehen. Wenn ihr also im Großraum Paris lebt, literarisch interessiert seid, dann meldet euch. Vielleicht lässt sich ein #pubnpub-Stammtisch einrichten?

Wo finden wir Sie im Internet?

Also, den Verlag findet man hier: www.zauberberg-verlag.de oder hier www.facebook.com/zauberbergverlag

Wer sich für meinen Roman „Fernsehen gernsehen“ und für mich als Autor interessiert, der sollte hier nachschauen: www.facebook.com/AlexanderEmmerichAutor

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Alexander Emmerich