Peter Korneffel: Bücher haben für mich etwas tief Verbindliches

Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Peter Korneffel (r) im Gespräch mit einem Fischer auf der Insel Santa Cruz del Islote / Kolumbien, der am dichtesten besiedelten Insel der Erde.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Werde Polizeikommissar oder Filialleiter der örtlichen Sparkasse, auf jeden Fall was Anständiges. Bloß nicht Handelsvertreter für Wella Haarkosmetik. Das mache den Rücken kaputt. Mein Vater setzte sich trotz bester Kontakte im sauberen Münster nicht durch. Ich wurde Diplom-Pädagoge, also was Unanständiges. Und bald darauf politischer Kabarettist, in höchstem Maße unartig.

Erst ein paar Jahre später, als ich am Morgen des 1. November 1994 mit zwei Taschen an der Mole von Vlissingen auftauche und den holländischen Dreimaster Rembrandt van Rijn besteige, höre ich, wonach meine Seele schreit. Ich wandere aus und werde Reporter, einen Auftrag der Frankfurter Rundschau in der Tasche und 43 Tage Überfahrt nach Mittelamerika im Dunst der salzigen Hafenluft.

Insgesamt vierzehn Jahre schreibe ich aus dem Ausland. Reportagen zu Ökologie, Wirtschaft und Sozialem, zu Menschenrechten, Entwicklungsarbeit und fernen Reisezielen. Ich lebe in Ecuador und Kolumbien und bereise fast ganz Lateinamerika. Für kleine Magazine, für Fachblätter und für die großen: für DPA, die ZEIT, für GEO und für MARE. Dann gehe ich nach Spanien und werde Korrespondent der „Neuen Energie“ und berichte gelegentlich für die ZEIT.

Bücher sind lange Zeit fein ausgebaute Sammelbecken meiner Arbeiten und meines Lebens in Ecuador, wo ich acht Jahre lang einen neuen Blick auf die Welt erlerne. Ich schreibe hier Reiseführer für den MAI Verlag, werde Ghostwriter und finde schließlich den DuMont Reiseverlag als tiefen Hafen. Nebenbei entsteht noch eine Sammlung von zwei Dutzend Reportagen aus Ecuador in Buchform.

Bücher zu schreiben ist im Auge eines Wella-Vertreters im Grunde das Unsinnigste, was man tun kann, ein brotloses Sich-Aufreiben für eine kleine Leserschaft. Mein Vater stirbt schließlich in dem Jahr, in dem mein erstes Buch erscheint. Jedoch nicht an väterlicher Verzweiflung. Krebs. Noch auf dem Sterbebett empfiehlt er seinem behandelnden Arzt, der nach Ecuador reisen will, mein Buch. Bücher haben für mich etwas tief Verbindliches. Sie sind persönlich, fast intim, sie verleiten, sie verbrüdern, sie provozieren, sie überraschen, sie erklären und sie machen Frieden. 2015 habe ich mein erstes Buch über Berlin veröffentlicht.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Den gibt es nicht. Es gibt da einen unspektakulären Büroalltag. Die weißgraue Nachbarskatze, die immer wieder durchs Fenster auf meinen Schreibtisch lugt, könnte nicht sagen, ob ich ein Buch schreibe, ob ich nach einem Bankräuber fahnde oder einen Banküberfall vorbereite. Spannend hingegen sind die Recherchen ohne Maus und Bildschirm. Ich gehe raus. Ich treffe Menschen, führe Interviews oder höre einfach zu. Ich gucke, ich rieche, ich schmecke, ich ertaste, ich fühle. Ich versuche, all das zu ordnen oder das Chaos in Worte zu fassen. Oft ist es schön, wenn es sich nicht ordnen lässt. Was die Katze nicht weiß: ich liebe es, das Aufgesogene zu Papier zu bringen und später vor ihren Augen mit zwei Fingern in die Tasten zu hauen. Und wenn ich über lange Wochen und bis in die Abendstunden an meinen Texten sitze, ahnt sie vielleicht doch, dass hier ein großes Werk entsteht. Ich will dem gutmütigen Tier ja nicht die pure Ahnungslosigkeit unterstellen. Zumindest guckt die Katze dann als wolle sie sagen: „Wenn das mal nicht ein Buch wird?!“

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Das Schreiben eines Buches ist zunächst eine längere Episode, ein Mammutwerk aus Ideen, Fleiß und Hingabe. Das Literarische wird unvermeidbar begleitet von Verlagskontakten und davon getrieben, seine Haut bestmöglich zu verkaufen, ohne dass die Seele raus fällt. Nach dem Erscheinen des Buchs kehre ich bald zurück zum Geldverdienen, als Reporter, als Fernsehkritiker, als Lektor, als Leiter von Leserreisen der ZEIT. Und irgendwann gibt es eine dritte Phase, etwa wenn es darum geht, ein Reisebuch zu aktualisieren, wenn ich Leserbriefe auswerte, Orte erneut besuche, noch tiefer in die Materie eindringe als zuvor. Plötzlich wird das eigene Buch zu einem Resonanzraum, einer Stütze, einem Freund. So bereise ich Ecuador heute nicht mehr ohne mein Buch, ohne jenes abgegriffene Exemplar mit dem lieblosen Aufkleber auf dem Titel und dem bedrohlich trockenen Edding-Vermerk „Autorenexemplar“. Mein Freund das Buch sorgt am Ende sogar für eine Art Rente, Herr Riester!

Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir die Beziehung zu meinen Büchern wichtiger ist als aufregende Reportagen, die im Dschungel der Printmedien für eine kurze Phase viele Leser finden, doch bei vielen Magazinlesern schon bald allenfalls vage Erinnerung hinter sich herziehen.

Mit meinem jüngsten Buch über die „Biermanufakturen in Berlin“ spüre ich, dass ich eine Szene porträtiere, mich in ihr bewege und ihr ein gewisser begleitender Chronist werde, der hoffentlich den kritischen Blick nicht verliert. Ich entdecke meine Lust, aus dem Buch vorzulesen, an Diskussionen teilzunehmen, im Radio darüber zu sprechen, sogar an einem nüchternen Büchertisch zu stehen, weil da Leute auf mich zukommen und mir Neues erzählen, etwas zu kritisieren haben oder einfach nur „danke“ sagen. Weiterhin muss ich Dinge tun – keine schlimmen und nicht selten wunderbare – mit denen ich ausreichend verdiene, um weiter Bücher schreiben zu können. Mir wird klar, es wird Zeit für mehr Bücher.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Manchmal wünsche mir eine nimmermüde gute Fee, eine persönliche Lektorin, eine ständige Rechercheassistentin, einen Rückenfreihalter, denn ich mache zu viel selbst. Manchmal reibe ich mich schon am Tage mit der Selbstorganisation als Autor und Journalist auf, während ich am Abend die Frische für ein offenes Gespräch brauche. Im Grunde fehlt bei meiner Arbeit jemand wie die tollen Büroassistentinnen im Tatort, die aus Netz und Registern unglaubliche Details ans Licht befördern und immer schon an der richtigen Stelle angerufen haben, wenn der Ermittler gerade auf den Gedanken kommt. Aber dazu hätte ich doch wohl Polizeikommissar werden müssen.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

  • Veranstalter, die mich zu Lesungen über die Berliner Biermanufakturen einladen
  • Verlage mit Buchprojekten aus meinen Tiefenbereichen: Natureis, Bier, Ecuador, Alexander von Humboldt oder mit ambitionierten neuen Ideen
  • Redakteure mit Reportage-Themen aus eben diesen Themenfeldern.
  • Journalisten und Blogger, die sich für Mikrobrauer, Craft Bier und Biermanufakturen interessieren
  • Menschen, die mich in dem jungen Planetarium von Twitter, Netzwerken und Co. unterstützen
  • Jemand, der mir in kurzer Zeit beibringt, lustvoll mit zehn Fingern zu schreiben.

Wo finden wir Sie im Internet?

www.korneffel.de

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Foto von Luca Zanetti: Peter Korneffel (r) im Gespräch mit einem Fischer auf der Insel Santa Cruz del Islote / Kolumbien, der am dichtesten besiedelten Insel der Erde.

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