Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Nina GeorgeWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin Nina George und ich schreibe Bücher. Zuletzt „Das Lavendelzimmer“, in dem der Buchhändler Jean Perdu auf seiner schwimmenden „Literarischen Apotheke“ in Paris Bücher wie Medizin verkauft.

Ich rezensiere Bücher, ich halte mich am liebsten dort auf, wo es viele Bücher um mich herum in Lesenähe gibt (digital oder gedruckt ist dabei nicht entscheidend) – und ich verteidige die Schöpferinnenn der Bücher über meine Autorinnen-Initiativen Ja zum Urheberrecht, Fairer Buchmarkt, Aktion Lieblingsbuch und als unabhängige politische Fachberaterin und Speakerin.

Seit 1992 habe ich 26 Bücher, 100 Kurzgeschichten und rund 3.000 Artikel veröffentlicht, unter fünf Pseudonymen und meinem Klarnamen. Romane, Krimis, Thriller, Sachbücher, Geschenkbücher und zwei entsetzlich unnötige „ich war jung und brauchte eine Beschäftigung gegen schnelles Geld“-Werke. Die Erfolgsspanne reicht von einer Auflage von 863 Stück in zwei Jahren, bis 480.000 Exemplare in einem Jahr, von Verramschung nach 17 Monaten bis Longseller über 17 Jahre.

Ich bin, was ich tue, ich lebe länger berufsschreibend (23 Jahre) als nicht-schreibend (18). Es gibt keine Woche, in der ich mich nicht mit Büchern beschäftige – schreibend, lesend, verteidigend, planend, abschließend, umwerfend, reisend vortragend, recherchierend. Ich lebe in Büchern, ich lebe mit Büchern, Bücher sind meine erste und große Liebe, und zum Glück habe ich einen Schriftsteller geheiratet und muss deswegen keinerlei Schamgrenzen mehr beachten.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Untypisch. Das typischste an meinem Berufs-Alltagen ist das Untypische. Heute ist Montag, ich habe ein sehr marktorientiertes Interview für ein in den USA produzierte Bücherblog-Seite gegeben (Dort wird das „Lavendelzimmer“ als „The Little Paris Bookshop“ erscheinen), sowie eine für einen spanisch/italienischen BücherBlog, der voller Seele, voller Gefühl Fragen stellte.

Ich habe mit meinem täglichen Gesprächskreis Urheberrecht korrespondiert über die Schwächen im Reda-Bericht, mit meinen Vorstandsmitgliedern aus Georgien, Schweden, Türkei und Griechenland des Three Seas Writers’ and Translators’ Council über die nächsten Jahresthemen gemailt („Wie Lesen Gesellschaft und Persönlichkeit bildet“ ist zurzeit unser Favorit), und meinen internationalen eBook-Piracy-Report, den ich für einige Verbände erstelle, ein Update über Lettland verpasst.

Ich habe meinem Mann in die Hand versprochen, dass ich heute Abend an „Henri“ weiter arbeite und nicht bei Facebook prokrastiniere oder Interviews noch mehr in die Länge ziehe (weswegen ich jetzt schneller tippe und Felerr produziere).

Ich erwarte mit halben Auge den nächsten Auftrag der Zeitschrift TV Movie im eMailfach, für die ich seit 1999 alle zwei Wochen arbeite; dort war ich einst Chefin vom Dienst. Wäre Donnerstag, wäre eine Burda-Zeitschrift dran wie seit 2004 jeden Donnerstag, wäre es noch 2009, wäre meine wöchentliche Kolumne im Hamburger Abendblatt fällig.

Ich bin in der Bretagne, zum Schreiben, wo die derzeitige Geschichte teilweise spielt (der Rest in London sowie in Kabul, Bagdad, Ruanda), und der Sturm reißt die Grashöcker von den Felsen und presst Meerwasser durch die Fensterritzen. In sieben Wochen werde ich schon in Berlin sein und eine Tagung über das Thema Digitale Wirtschaft: Chancen und Risiken für Künstlerinnen, mitgestalten. Das Meer wird fehlen.

Bei mir fließt alles ineinander, das Recherchieren, das Denken, Fühlen, das Abschließen und Überarbeiten. Die Politik, das Autorinnenengagement, der Beruf, das Private. Ich arbeite ständig und manchmal so viel, dass ich vierzehn Stunden am Stück schlafen muss oder zwei Tage nur lesen um wieder einigermaßen gerade denken zu können. Meist vergehen zwei Jahre bis zum nächsten großen Romanwurf. Manchmal wünschte ich mir, ich würde „nur“ schreiben. Aber selbst dieses „nur“ ist ein Beruf wie Herzchiurgin, Therapeutin, Chronistin und Illusionskünstlerin in einem zu sein. Ich liebe ihn. Ich hasse ihn. Ich brauche ihn.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Ich bin besser, teurer, älter – und langsamer geworden. Ich habe eine starke Stimme entwickelt. Die Honorare sind im journalistischen Bereich allesamt in den Keller gegangen, seit 2000 ein stetiger Sinkflug. Meine Jobs von heute würde meine Nachfolgerin für 35 – 50 % dessen tun müssen, was ich bekomme. Erstaunlicherweise will die Buchbranche genau das, woran die Medienlandschaft untergegangen ist: Schneller, besser – billiger.

Irgendwo muss da ein Haken sein, doch jedesmal, wenn ein Autor, eine Autorin versucht, Ruhe und Konzentration in die Abläufe zu bringen, kommt irgendwer daher und behauptet: Nächstes Jahr haben dich die Händler vergessen! Und die Leser auch! Und andere Bücher ziehen an einem vorbei! Schnell! LOS!

(So vergesslich kann doch keiner sein? Ist was mit dem Trinkwasser?)

Herrje. All die Sucht nach Neu! Neuer! Am allerneusten! stellt sich als die deutlichste und nicht zwingend gesündeste Veränderung in 23 Jahren heraus.

Ich komme aus dem analogen Bereich und habe noch Klebelayout und Bleisatz gelernt, und ich finde mich ohne GPS in einem fremden Land zurecht. Seit 1997 bin ich auch ununterbrochen online und kenne das Beste und das Schlechteste aus den Welten analog und digital. Eine große Veränderung ist mit den digitalen Vertriebs- und Publikationswegen gekommen: Alles, was im Netz ist, hat seinen Wert verloren.

Ob das Texte sind, die online bei Zeitungen erscheinen und Honorare im zweistelligen Peinlichkeits-Stadium generieren, oder ob es Digitalisate von Büchern sind: Die Leichtigkeit mit der eBooks geklaut, kopiert und illegal herum gereicht werden, ist erschütternd. Kein Mensch würde einen anderen so tätlich ausrauben oder organisierte Bücherräuberei dulden. Doch das luftigere, distanzierte, leichtgängige Medium eBook, zusammen mit der Anonymität und Bequemlichkeit, auf dem Klo oder Sofa sitzend gerippte Dateien zu ziehen, erleichtert es guten Menschen, Arschkekse zu sein. Pardon, es geht auch weniger radikal: eBook-Piraterie ist kein Kavaliersdelikt. Es schadet uns Autorinnen enorm. Und es bereichert andere, die Portalbetreiber, die sich durch Werbung finanzieren oder sogar mit „paid piracy“ „Abos“ verkaufen, alle Spiegelbestseller für 4,99 jeden Monat. Diese Hehlerei wringt die Branche aus.

Genauso wie Flatrates und Billigpreise ein missglücktes Bild von dem Wert eines Buches zeichnen – da treffen sich All-you-can-read-Mentalität mit gesellschaftlicher Gleichgültigkeit. Ein sehr faszinierendes Problem über menschliche Gier, über das ich aber lieber Romane schreiben würde als mich mit den Auswirkungen abzuplagen.

Das Erstaunliche ist, dass die Politik z.B. Piraterie duldet. Es existiert eine extreme Verachtung gegenüber Autorinnen: Piraterie sei ja Werbung, Urheberrechte seien wahnsinnig innovationsstörend, Bücher eh zu teuer für den Schrott, der da drin stünde, und warum wir Schreiber uns so aufregen: Macht doch Spaß, der Job! – das muss reichen. Mit Verlaub: Nein. Es kommt darauf an, gelesen und bezahlt zu werden. Spaß macht es auch dem Zahnarzt, und er wird trotzdem bezahlt.

Ich habe nie zuvor eine solche Verhöhnung der Berufsschreibenden erlebt wie in der Strömung rund um Netzpolitik-, Piratenpartei- und Leecher-/Uploader-Szene.Gleichzeitig sind in politischen Arbeitskreisen oder Gremien Autorinnen selten an den Verhandlungstischen zugelassen, wenn es um Regeln und Märkte geht, stattdessen Vertreter von Google oder Geräteherstellern, die von unserem „Content“ profitieren.

But: If you are not at the table – you are on the menu. Wir sind auf der Schlachtplatte gelandet. Und das ist eine Gezeitenwende in der Branche. Bücher sind nicht mehr Bücher, sondern Food für digitale Großmaschinerien.

Bin ich deswegen technikfeindlich? Niemals. Technik ist weder für noch gegen Kunst.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Ein Problem meiner Arbeit ist, dass sie seit einigen Jahren „Content“ genannt wird. Ich kenne Content als „Weißraumfüllung“ aus dem Magazin-Layout, und als solches werden Geschichten, die Leistungen von Autorinnen, heute oft ge- und missbraucht: Als „Füllung“. Es müssen Glasfasern, Webseiten, Portale, Flatrates, die teuren Geräte, die Seiten der eBook-Piraten, die Suchmaschinen schön schnell und billig „befüllt“ werden.

Unsichtbar, gewichtsloser, ja, banaler erscheinen Arbeit, Können, schöpferische Kraft, Individualität und wirtschaftliche Komponente für die Autorin.

(Hier Jammergeigen, bitte – die Klage stimmt leider trotzdem noch).

Ein anderes Problem ist die digitale Zensur. Sie findet bei eBook-Vertrieblern wie Amazon oder Apple statt, wo content control software Bücher auf verdächtige Häufungen bestimmter Wörter und Sachkomplexe untersuchen. So werden rassistische, pädophile oder faschistische Selfpublishing-Texte aussortiert. Gleichzeitig werden auch Verlags-eBooks von Publikumsverlagen kontrolliert und bei verdächtigem Content als „explicit“ gebrandmarkt, zur Änderung aufgefordert oder aus dem Angebot geworfen. Zuletzt sollte ich in meinem Lavendelzimmer für die US-Ausgabe die Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht ändern. Ich habe sehr gelacht. Wo haben die ihre Prüderie her, aus dem elften Jahrhundert?

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Sie sind Politiker oder Politikerinnen oder wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen, Sie wollen sich informieren, welche Lösungen es für die sinnvolle und nötige Überarbeitung des Telemediengesetzes und die entstandene Verantwortungsdiffusion gibt? Oder wie Piraterie schadet? Wie wir Autorinnen unsere Urheberrechte in unserem Berufsalltag nutzen und warum „copyright“ keine geeignete Übersetzung für author’s rights ist? Und warum wir wirklich selbst denken können und von unseren Geschäftspartnern, den Verlagen, nicht stockholm-syndromisiert wurden? Sie interessieren sich für die Frage, warum eBook-Wiederverkauf, das SoftUsed-Urteil oder das amerikanische Fair-Use-System tödlich für die Branche ist? Ob eBooks „richtige“ Bücher sind? Sie wollen wissen, auf Cent und Euro, wie wir wo was warum verdienen – und wo leider nicht? Sie möchten zuhören, um zu entscheiden?

Ich rede gerne mit Ihnen. Bei einem Essen. Hinter den Kulissen. Oder auf einer gepflegten Bühne.

Sie sind Autor oder Autorin und stark engagiert für Autorinnenrechte? Ob Urheberrecht, Vertragsrecht, Honorare, die Rettung der Welt? Wir sollten mal was trinken gehen.

Wo finden wir Sie im Internet?

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Foto: Maurice Kohl © Nina George