Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Jürgen RapprichWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Mein Name ist Jürgen Rapprich. Ich bin 70 Jahre alt. (Na und? Udo Jürgens ist 80.) Neben Tätigkeiten in anderen Branchen und im Kulturbereich verbrachte ich den größten Teil meines Arbeitslebens im Buchhandel. (Erinnert sich noch jemand an die Batterie schwerer Kataloge, die man benötigte, um einen bestimmten Titel zu finden?) Bis zum Ende letzten Jahres betrieb ich eine kleine Buchhandlung in München-Haidhausen. Neben einem allgemeinen Sortiment war der Laden spezialisiert auf erotische Literatur, mit den entsprechenden Klassikern, mit Kulturgeschichte, Fotografie und Malerei. Alle paar Monate machten wir Veranstaltungen, auf denen ich mit zwei jungen Schauspielerinnen klassische und moderne erotische Texte vortrug. Wegen des beschränkten Platzangebots und der für eine kleine Buchhandlung erstaunlich großen Nachfrage mussten die Abende regelmäßig wiederholt werden, erfreuten sich also einer beachtlichen Beliebtheit. Obwohl die Buchhandlung ein echtes Stammpublikum hatte, (nicht nur im Bereich Erotik,) machte sich in den letzten 2 Jahren immer deutlicher der Druck durch den Versandhandel und das Aufkommen der eBooks bemerkbar. Der Umsatz sank und der Laden musste geschlossen werden. (Das ist weder eine Beschwerde noch eine Anklage.)

Da ich den erzwungenen „Ruhestand“ nicht wirklich genießen kann, entschloss ich mich, die Tradition unserer Veranstaltung im Internet fortzuführen und baue derzeit die Seite www.ohren-lust.de auf.  Wer sich für diese Art der Literatur interessiert, bekommt dort ständig neue, meist klassische Texte vorgetragen. Dazu gibt’s ein freches erotisches Zitat, ein ebensolches Bild aus der Geschichte der erotischen Kunst, eine Buchbesprechung und unbekannte und kuriose Fakten aus der Sittengeschichte der Menschheit.  Neuerdings biete ich auch mit besten Erfahrungen sog. „Wohnzimmer-Lesungen“ an für literarische Zirkel, für originelle Partys, Polterabende etc. Die Internet-Seite ist für private Nutzer kostenlos, Spenden für den weiteren Aufbau werden aber nicht abgelehnt …

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der typische Arbeitstag in der kleinen Buchhandlung umfasste 10 – 11 Stunden, nicht selten waren auch die Wochenenden betroffen. (Vom Einkommen wollen wir gar nicht erst reden.) Aber ich zog dies immer noch einer abhängigen Tätigkeit im Büro o.ä. vor.  Also: selber schuld und kein Grund zum Klagen.

Derzeit bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, aus meiner umfangreichen privaten Bibliothek Zitate, Texte, Bilder etc. herauszusuchen, Passagen aus der Literatur einzulesen und die Seite auszubauen, zu pflegen und den vielfältigen, immer wieder neuen Ideen nachzukommen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Der Kern – einem Kunden seinen Wunsch zu erfüllen – hat sich natürlich nicht geändert. Wohl aber die Mittel, mit denen das gelingen kann. Besser? Schlechter? Anders. Fest steht: Das was ich heute mache, wäre mir vor 20, ach was, vor 10 Jahren technisch noch nicht möglich gewesen. Ich kann heute mit einer Art Baukastensystem eine eigene Website aufbauen, mit der selbst Internet-Idioten (wie ich einer bin) befriedigend zurechtkommen.

Was mir gegenüber dem Laden deutlich fehlt, ist die direkte Kommunikation mit dem Kunden. Ein Gespräch – nicht nur über Bücher. Ein Winken durchs Schaufenster. Ein Lächeln … Da ist der e-mail-Verkehr nur ein ungenügender Ersatz.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das Problem im Internet besteht darin, dass man einer unter Milliarden ist und selbst ein Alleinstellungsmerkmal nur zufällig von einem Interessenten entdeckt werden kann. Wenn die Seite zudem noch neu ist und keine Mittel für umfassendes Marketing zur Verfügung stehen, ist der Weg zu größerer Bekanntheit recht lang.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Ob die Welt meine Internet-Seite wirklich braucht, weiß ich natürlich nicht. Aber wünschen würde ich mir, möglichst vielen Menschen bekannt zu werden, die Interesse an qualitativ hochwertiger erotischer Literatur haben. (Das sind ohnehin gar nicht soooo viele.) Speziell bitte ich die Betreiber anderer Seiten und Blogs, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigen, informell auf meine Seite hinzuweisen. (Wo dies gelingt, stelle ich sofort einen steilen Anstieg der Zugriffe fest.) Vielleicht könnte man auch mit Verlagen, Hörbuchverlagen und Autoren zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten.

Wo finden wir Sie im Internet?

Zu finden bin ich im Internet unter www.Ohren-Lust.de. Oder bei Facebook. Dort bitte in die Suchmaske „Ohrenlust“ eingeben. (In diesem Fall ohne Bindestrich.) Und verschenken Sie bitte ggf. ein „Gefällt mir“! Per Mail erreichen Sie mich unter info@ohren-lust.de.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Jürgen Rapprich