Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Joanna MühlbauerWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Mein Name ist Joanna Mühlbauer und ich bin freie Art Direktorin. Zusammen mit dem Journalisten Peter Wagner mache ich „Das Buch als Magazin„, das zweimal im Jahr erscheint. Das Prinzip des Heftes ist leicht erklärt: Im ersten Teil jeder Ausgabe lesen Sie einen Literaturklassiker im Original, den wir um eine eigens produzierte Fotostrecke erweitern. Außerdem schreiben wir Notizen an den Rand des Textes – Interessantes zum Autor, zu einzelnen Textstellen, Einordnungen oder Parallelen zur Gegenwart. Im zweiten Teil von „Das Buch als Magazin“ stehen Geschichten aus der Gegenwart, die sich deutlich oder vorsichtig auf das Buch im ersten Teil beziehen. So wollen wir Lust machen, alte Bücher neu zu lesen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Einen typische Arbeitstag gibt es nicht, da ich freiberuflich arbeite. Es hängt also immer vom Projekt ab, ob ich früh aufstehe und in eine Agentur oder einen Verlag fahre, und dort einen „ganz normalen“ Bürotag habe. Oder ob ich den Tag gemütlich beginne, und den ganzen Tag zuhause vor mich hin werkeln kann. So ist es zum Beispiel jetzt gerade, da wir an der neuen Ausgabe für „Das Buch als Magazin“ sitzen. Da kommen langsam die fertigen Texte und Bilder rein, ich kann die Layouts finalisieren und das Heft langsam fertig machen. Und dazwischen viel telefonieren und Mails bearbeiten für andere Projekte, mit dem Hund rausgehen, kochen, essen. Wie gesagt, richtig feste Abläufe gibt es da nicht. Aber ich versuche, um 20 Uhr spätestens Schluss zu  machen. Das ist wichtig, dass man sich selbst gewisse Zeiten vorgibt. Dann arbeitet man tagsüber  konzentrierter, und vor allem nicht unendlich lange, was theoretisch immer möglich ist, aber auf lange Sicht nichts bringt.

Was so während der Arbeit am Heft passiert oder passieren kann:

Tatsächlich war es bisher bei fast jeder Ausgabe so, dass sich immer irgendwelche tollen Sachen ergeben haben und uns quasi zugelaufen sind. Also der normale Prozess verläuft so, dass Peter und ich uns für ein Buch entscheiden. Dann treffen wir uns und überlegen uns Themen und Motive, die unserer Meinung  nach gut in den journalistischen Teil passen würden. Meistens haben wir das Gefühl, dass, weil wir uns so viel damit beschäftigen, wir schon in alle möglichen Richtungen gedacht haben und wir genau wissen, was wir wollen, dass es quasi nichts mehr gibt, woran wir nicht auch schon gedacht hätten. Doch natürlich ist das falsch und bei jeder Ausgabe war es bisher so, dass uns der Zufall, oder besser gesagt die tollen Autoren und Fotografen, die bei unserem Heft mitmachen und mitmachen wollen, uns Geschichten in die Arme spülen, auf die man eben nicht kommen kann. Die sind dann einfach da und so persönlich, dass man sie sich so nicht hätte ausdenken oder in Auftrag geben können.

In der ersten Ausgabe, der „Verwandlung“ von Franz Kafka, schreibt eine Autorin über den Tod ihrer Mutter und wie sie damit umgegangen ist. Ähnlich Kafkas Käfer bleibt sie tagelang in ihrem Zimmer eingesperrt, kann nicht raus, nicht kommunizieren. Ein wahnsinnig bewegender Text. Wir waren ihr sehr dankbar, dass sie das so für uns aufgeschrieben hat. Und auf sowas kann man eben nicht beim Ausdenken kommen.

Ein anderes Beispiel ist ein Ehepaar, das wir für die letzte Ausgabe, die „Traumnovelle“, interviewt haben. Sie sind schon seit Jahrzehnten verheiratet, die Frau ist vor nicht allzu langer Zeit in einem unaufhaltbaren Prozess erblindet. Sie ist komplett von ihrem Mann abhängig geworden, die Außenwelt ist für sie alleine fast gar nicht  mehr zugänglich. Ihre Phantasiewelt und alle Bilder in ihrem Inneren sind aber umso präsenter. Sie und ihr Mann leben wie in 2 Welten, aber trotzdem sehr innig zusammen. Auf gewisse Weise vergleichbar mit den Protagonisten aus Schnitzlers Geschichte. Auch eine sehr tolle Geschichte, sehr rührend, und auch sie wäre ohne eine zufällige Bekanntschaft nicht zustande gekommen.

Das Fazit ist wahrscheinlich, dass man auf der Suche nach Geschichten immer offen bleiben muss. Natürlich muss man eine Marschroute haben, ungefähr wissen, wo man mit dem Heft hin will. Aber man muss immer offen sein für die tollen Dinge, die zufällig neben dieser Route liegen können, und sie nicht übersehen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Früher hatte ich eine feste Stelle in einer Agentur. Da habe ich praktisch immer nur gearbeitet. Die Arbeit war gezwungener Maßen wenig selbstbestimmt und nicht immer sehr befriedigend. Auch wenn es natürlich schöne Projekte gab und ich im Umkehrschluss jetzt als Freie auch nicht nur Traumaufgaben habe. Aber ich weiß jetzt mehr, wofür ich was mache, und kann selbst entscheiden, wie viel Zeit und Aufwand ich für welche Aufgabe investieren kann und muss. Da bleibt immer genug Energie und Motivation für so Herzensprojekte wie „Das Buch als Magazin“.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Wir würden „Das Buch als Magazin“ gerne wirtschaftlicher machen, ohne dabei darauf zu verzichten, dass wir anzeigenfrei erscheinen. Es läuft zwar ganz gut, aber ein Traum wäre natürlich die Auflage steigern zu können, den Autoren höhere Honorare zahlen zu können und am besten selbst noch etwas daran zu verdienen. Wir basteln da gerade an einem Konzept.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Verlage, die an Kooperationen interessiert sind, Mäzene, oder einfach Menschen, die Lust haben uns zu unterstützen.

Wo finden wir Sie im Internet?

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Joanna Mühlbauer