Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Michael BlümelWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

mein name ist michael blümel, ich bin künstler (illustrator, grafikdesigner und maler), lebe in deutschland und zeitweise in frankreich. bücher bzw. literatur – klassisch, modern und gegenwart – gehören zu einem wichtigen ausgangspunkt meiner künstlerischen arbeit, da ich bücher nicht nur gestalte und illustriere, sondern seit jahren aus herkömmlichen buchausgaben künstlerunikatbücher herstelle, indem ich die zeichnungen, mischtechniken usw. direkt auf die jeweiligen buchseiten – auch über textseiten – übertrage.

diese idee entstand aus einer „not“ heraus, als ich mich vor jahren bewusst in eine einsame gegend in südfrankreich zurückzog, um an einem bilderzyklus nach michel houellebecqs prosa und lyrik zu arbeiten. während dieser arbeit gingen das papier und andere materialien zur neige, ich hatte damals keine lust das haus zu verlassen, um einzukaufen, so nahm ich mehrere mitgeführte buchausgaben des autors und begann die szenen und ideen direkt auf die buchseiten zu zeichnen und mit espresso bzw. kaffee aquarelliernd zu ergänzen.

inzwischen entstanden u.a. unterwegs bzw. auf reisen, in cafés, wartesälen, bahnhöfen…über 300 derartige unikatbücher. wenn ich nicht in büchern zeichne, schöpfe ich aus ihnen. eine wohnung ohne bücher ist für mich wie ein rohbau.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

der beginnt – vermutlich im gegensatz zu den meisten meiner künstler-kollegen/innen – bereits um 6 uhr morgens, da ich ungern im bett liege und die zeit wie ein kissen oder eine lümmeldecke behandle. viele ideen entstehen frühmorgens oder beim kaffeetrinken. kaffee ist kultur.

ich lebe nach dem klassischen aber für mich optimalen motto: carpe diem. muß ich im laufe des tages termine wahrnehmen oder unterwegs warten, nutze ich stets diese zeiten, um etwas zu skizzieren oder zu bearbeiten. eine buchausgabe (roman, gedichte, erzählungen…) bzw. ein skizzenbuch gehören zu meinen unverzichtbaren begleitern.

da ich in den vergangenen jahren das tv-angebot zunehmend reduzierte und nur noch sehr ausgewählt wahrnehme, habe ich abends noch mehr zeit zum arbeiten. an dieser stelle: mille fois merci, an die programmmacher und intendanten…

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

ich machte meine ausbildung zu einer zeit, als die ersten macintoshrechner und grafiktauglichen computer auf den markt kamen und ihren festen platz innerhalb der studienfächer erhielten – das war gut so, denn heute bearbeite ich herkömmlich angefertigte illustrationen, grafiken… z.t. mit dem computer, sofern dies vonseiten der verlage, der autoren und anderer auftraggeber erwünscht ist.

was ich bei allem technischen komfort bedenklich und zuweilen unpassend finde, sind die mitunter zu perfekten, glattgepixelten, flächenreinen…illustrationsergebnisse mancher bucherscheinungen. man erkennt oftmals kaum die persönlichkeit, die handschrift, den duktus der urheber. daher bin ich besonders glücklich, wenn ich mich mit den klassischen zeichentechniken und handwerklichen mitteln ausdrücken darf.

ein buch ist im optimalen fall ein kunstwerk, ein zusammentreffen und -wirken von autor und künstler. aber mir ist natürlich bewußt, daß dies in unserer massenproduktiven zeit einem wunschdenken entspricht, da die rasantheit des buchmarktes dieses denken mehrheitlich nicht zulässt. das merkt man schon beim betrachten der titel(cover)bilder.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

immer wieder die infragestellung und akzeptanz bzgl. der honorare. warum erlauben sich mitunter manche auftraggeber und interessenten bei künstlern die geforderten pekuniären leistungen verhandeln zu müssen? kaum jemand wird z.b. beim betreten eines autohauses den verkäufern mit der dreisten absicht entgegentreten, dies oder jenes modell bitteschön 5.000 euro günstiger anzubieten oder mit einem schlüsseldienst zu verhandeln, der für eine türöffnung 30 sekunden benötigte und hierfür einen stolzen preis verlangt.

inzwischen lernte ich natürlich hinzu und letztendlich gibt es tarife, bestimmungen, grenzen sowie das eigene bewußtsein seiner eigenen arbeit und den erbrachten leistungen gegenüber.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

alle menschen, die sich bewegen, nicht stillstehen. weiter verleger, autoren/innen, bibliophile, literatur- u. kunst(kultur)interessierte menschen, galeristen/innen, veranstalter und zudem solche, die gesellschaftsmodelle hinterfragen, nicht alles wie unmündige bürger hinnehmen, wach, offen sowie diskussions- u. tatenbereit sind.

In dieser zeile: vorbildlich agiert für mich z.b. juli zeh, die ihren „öffentlichen status“ wahr- u. ernstnimmt, sich nicht gefällig anschmiegt.

Wo finden wir Sie im Internet?

www.michael-bluemel.de
www.poetenladen.de
www.sonja-steinberger.de (galeristin)
u.a.m.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Michael Blümel