Eine Gastkolumne von Bernhard Blöchl

Die Zeiten, in denen ein Buch ausschließlich zwischen zwei Umschlagseiten stattfindet, sind vorbei. Das Internet bietet ungeahnte neue Möglichkeiten – sowohl beim Publizieren und Vermarkten, als auch beim kreativen Erzählen. In dieser Reihe gibt der Münchner Autor Bernhard Blöchl, 37, Einblicke in ein Schelmenstück, das sich um seinen kürzlich erschienenen Debütroman „Für immer Juli“ entfaltet. Ein literarisches Experiment, das die Online-Offline-Grenze ignoriert – und Hoffnung macht für eine Web-affine Schriftstellergeneration. Im dritten und letzten Teil geht es um die Weiterentwicklung des Blogs zum Sachbuch.

Wenn der eigene Roman erscheint, vor allem das Debüt, verliert so einiges an Bedeutung. Der Tag, an dem ich „Für immer Juli“ in Händen hielt, das Papier der gebundenen Seiten roch, über den Umschlag strich, den Rotraut Susanne Berner gestaltet hatte, der Tag also war ein wolkenloses Hoch, und alles andere war mir – mit Verlaub – ziemlich wurscht.

Doch nicht lange, immerhin stand noch eine knifflige Aufgabe an: Ich musste die Leser von Schlussmitluschig.de über meinen Roman informieren. Den Roman, weswegen ich beziehungsweise Julian das Blog überhaupt gestartet habe beziehungsweise hat. Das klingt leichter, als es war. Denn wie erklärt man gutgläubigen Followern, dass der Blogbetreiber nicht der Autor, sondern die Hauptfigur der Romangeschichte ist? Rätsel auflösen und das war‘s? Das erschien mir zu einfach. Also entschied ich mich dafür, Julian Hartmann weiterbloggen zu lassen (jede andere Lösung hätte er ohnehin nicht akzeptiert). Und so kam es, dass Julian Hartmann in einem Blogbeitrag mich ins Spiel brachte, mich vorstellte als seinen „Journalistenkollegen Bernhard Blöchl“, der ihm bei der Veröffentlichung geholfen habe.

Alter Ego, Baby!

Hier ein Auszug aus dem wohl schwierigsten Artikel seit dem ersten Eintrag: „Alice Schwarzer wäre stolz auf mich, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, denn Emma ist weg. Also meine Emma. Mit diesen ersten Worten beginnt ein Buch, das in diesen Tagen erscheint und das meine persönliche Geschichte ausführlich erzählt. ,Für immer Juli‘ schildert mein Vorhaben, nicht mehr Juli genannt zu werden, wie bisher, sondern als Julian meine verlorene Männlichkeit wiederzufinden. Eine Tour de force durch München, Wien und Macholand. Ein Spiel mit Identitäten. Und über allem schwebt die Frage: Kann man ein anderer sein, als man ist, und wenn ja: Wie lange geht das gut? Ob ,Für immer Juli‘ ein Männerroman ist? Vielleicht. Ein Schelmenroman? Unbedingt. Unbedingter Lesestoff für alle, denen es so geht wie mir. Oder die schon immer wissen wollten, wie man denn nun sein soll als moderner Mann? Alter Ego, Baby! Geholfen hat mir bei der Veröffentlichung mein Journalistenkollege Bernhard Blöchl. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, das könnt ihr mir ruhig glauben, aber die Teilzeitlusche ist schon ganz okay. Jedenfalls sind wir beide mächtig stolz, dass ,Für immer Juli‘ endlich erscheint. Im kleinen feinen MaroVerlag. Dort, wo einst Charles Bukowski groß herauskam (Hell, yes!).“

Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Überraschend positiv! Wir bekamen respektvollen Zuspruch von befreundeten Bloggern, Lesern und ein paar Journalisten. Die einen sprachen von einem „genialen Marketing-Coup“, die anderen konnten es nicht glauben, wieder andere fühlten sich in einer ungewissen Ahnung bestätigt, dass mit diesem Julian, der bisher keine Spuren im Netz hinterlassen hat, irgendetwas nicht stimmte. In einem nächsten Beitrag führten wir ein Interview über unser Buch, also Julian und ich. Eine Übung, die Schriftsteller mitunter praktizieren, um ihre Figuren besser kennenzulernen. In diesem Fall war es die konsequente Fortführung des Experiments. Eines Experiments, das sich dem Ende näherte. Dachte ich zumindest.

Das Buch zum Blog zum Roman

Doch dann kam diese E-Mail, die dem Schelmenstück die Schlusspointe verpassen sollte. Eine freundliche Lektorin hatte Julian Hartmann angeschrieben und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, aus dem Blog ein kleines Buchprojekt zu entwickeln. Was die Programmleiterin Sachbuch nicht wusste (womöglich aber ahnte): Julian Hartmann ist eine Kunstfigur. Doch wie sich bald herausstellte, sollte das kein Hinderungsgrund für die geplante Zusammenarbeit sein – im Gegenteil: Der große Publikumsverlag aus dem Norden fand das Spiel reizvoll und charmant. Und so wird es 2014 „Schluss mit luschig!“ als gedrucktes Buch geben, der Autor: Julian Hartmann.

Persönliches Fazit: Mein Projekt begann mit einem Romanmanuskript, entfaltete sich in der Online-Welt, um Publikum zu generieren, und wurde dort für ein weiteres Buch entdeckt. Von Print ins Netz und zurück. Ein publizistischer Traum. Mich hat das vernetzte Romanprojekt überrascht und bestätigt, beflügelt und bereichert, und ich kann jedem Autor nur empfehlen, die traditionellen Erzähl-, Publikations- und Marketingformen immer wieder zu hinterfragen. Bloggende Protagonisten. Geschichten, die im Netz beginnen und im gedruckten Buch enden. Vernetzte Autoren, die gemeinsam im Web schreiben. Twitter-Storys. Ach, so viele Möglichkeiten. Wolf Haas hat mir einmal in einem Interview geraten: „Man muss den Leser ein bisschen verzaubern, damit er nicht davonrennt.“ Darum geht‘s. Regel Nummer 1: Du sollst nicht langweilen. Und gerade im Zusammenspiel von Online und Offline, von Netz und Print sehe ich eine riesige Spielwiese für kreative Autoren. Tobt euch aus, ihr Publizisten 3.0!

Ende der Reihe. Teil 1 beschäftigte sich mit der Frage, wie man aus Absagen Motivation ziehen kann, Teil 2 stellte den Protagonist als Lieblingsblogger vor.

Zum Autor: Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor, Blogger und Journalist aus München und arbeitet hauptsächlich im Kultur- und Freizeitressort der Süddeutschen Zeitung und SZ Extra. Unter www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, in dem er inspirierende Romananfänge und Songzeilen sammelt. „Für immer Juli“ ist sein erstes Romanprojekt.

Autorenfoto: zeegaro