Eine Gastkolumne von Bernhard Blöchl

Die Zeiten, in denen ein Buch ausschließlich zwischen zwei Umschlagseiten stattfindet, sind vorbei. Das Internet bietet ungeahnte neue Möglichkeiten – sowohl beim Publizieren und Vermarkten, als auch beim kreativen Erzählen. In dieser Reihe gibt der Münchner Autor Bernhard Blöchl, 37, Einblicke in ein Schelmenstück, das sich um seinen kürzlich erschienenen Debütroman „Für immer Juli“ entfaltet. Ein literarisches Experiment, das die Online-Offline-Grenze ignoriert – und Hoffnung macht für eine Web-affine Schriftstellergeneration. Im zweiten Teil geht es um die Entdeckung der Romanfigur als Lieblingsblogger.

Der Tag, an dem meine Hauptfigur beschloss, aus dem Roman zu fallen, war heiß und erdrückend. Es war der Sommer, als Bayern München dreimal Zweiter wurde. Es war der Sommer der verpassten Chancen, in jeder Hinsicht. Hoffnung für meinen Lieblingsverein gab es in der Historie immer, da ist man als roter Münchner verwöhnt; etwas Hoffnung für meinen Debütroman gab es aber auch. Zu verlockend erschien mir die Idee, meine Geschichte im Netz weiterzuschreiben. Das literarische Experiment, eine Romanfigur bloggen zu lassen – die Figur eines Romans, den noch keiner kennt -, sollte mir die Frage beantworten, ob das Thema meiner Erzählung tatsächlich „durch“ ist, wie einige Verlage behaupteten, die das Manuskript abgelehnt hatten.

Das Blog mit der Hose spinnt das Kernthema des Romans weiter

Schlussmitluschig.de ging Mitte Oktober 2012 an den Start. Seitdem publiziert Julian Hartmann seine „Notizen zum Mannsein“. Im Roman entwickelt der von den Frauen enttäuschte und von seiner Freundin verlassene Mittdreißiger den Plan, sich zu emannzipieren; auf dem Blog wird seine Suche nach der verloren geglaubten Männlichkeit in kurzen Texten und Internet-tauglichen Darstellungsformen konkret. Die Website als digitale Metaebene zum Buch. Julian stellt sich als Sinnsuchender einer Männergeneration vor, die in den Neunzigern groß wurde, „diesem Nicht-Jahrzehnt, als die Metrosexuellen noch androgyne Hoffnungen hatten.“ Und er setzt sich Ziele: „Ja, es herrscht Chaos. Deshalb blogge ich. Ich möchte Teil einer Männerbewegung sein! Ich möchte begreifen, was Frauen wollen (wissen sie es selbst?). Und herausfinden, ob ich so sein kann. Seht es als Experiment. Für ein wenig Orientierung im Gender-Dschungel.“

„Das Blog mit der Hose“, wie die Seite wegen seines Unterhosenlogos genannt wird, nähert sich mit Thesen, Typologien, Zitaten, vor allem aber: mit einem selbstironischen Unterton jener Kernfrage, die auch der Roman aufwirft: Zwischen Lusche, Alpha-Softie und Macho – was macht den modernen Mann aus? Vor allem die Listen waren es, die schnell großen Zuspruch fanden. 33 Dinge, die der moderne Mann endlich kapieren sollte. 33 Dinge, die die moderne Frau endlich kapieren sollte. 33 Dinge, die moderne Paare endlich kapieren sollten usw. entwickelten sich zu populärem Content, der über die angeschlossenen Facebook– und Twitter-Kanäle rasch verbreitet wurden.

„Für immer Juli“ erscheint im MaroVerlag

Der Tag, an dem meine Hauptfigur doch noch einen Verleger fand, war mild und erfrischend. Es war der Sommer, als Bayern dreimal Erster wurde. Es war der Sommer der erfüllten Hoffnungen, in jeder Hinsicht. Schlussmitluschig.de hatte sich zu einer beliebten Adresse im Netz entwickelt. Interviews mit Parship und Friendscout24, eine Erwähnung in der GQ, die Aufnahme des von Juli erfundenen Begriffs der Emannzipation im Duden-Wörterbuch der Szenesprachen, Kooperationsanfragen von Unterhosenherstellern und Dating-Portalen – all das zeigte uns in überwältigender Weise: Das Thema meines Romans, die Orientierungslosigkeit des modernen Mannes, ist ganz und gar nicht “durch”. Es knirscht gerade bemerkenswert. Mehr als 100.000 Zugriffe in neun Monaten, 1.000 Facebook-Fans und mehr als 400 Twitter-Follower haben Juli und mich bestätigt.

Das war der Hintergrund, als „Für immer Juli“ erschien. Im Juli. Im wunderbaren MaroVerlag. Nach dem Erfolg des Blogs war ich bereit gewesen, mein Buch im Selfpublishing-Verfahren herauszubringen und über „Schluss mit luschig“ zu promoten. Dass ich nach langer Suche letztlich doch noch einen Verlag gefunden habe, änderte die Pläne. Zu großen Respekt habe ich vor der Kunst, professionell lektoriert und publiziert zu werden. Als Marketing-Tool und Mehrwert sollte das Blog freilich dennoch nützlich sein, diesen Weg wollte ich weiter gehen. Eine Frage aber galt es noch zu beantworten: Wie würden die Schluss-mit-luschig-Leser auf das Schelmenstück der bloggenden Romanfigur reagieren? Denn noch hatten sie keine Ahnung, dass sie Teil von größeren Zusammenhängen waren.

Um diese Frage geht es im dritten Teil der Reihe, außerdem darum, wie sich aus dem literarischen Experiment ein weiteres Buch entwickeln sollte.

Zum Autor: Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor, Blogger und Journalist aus München und arbeitet hauptsächlich im Kultur- und Freizeitressort der Süddeutschen Zeitung und SZ Extra. Unter www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, in dem er inspirierende Romananfänge und Songzeilen sammelt. „Für immer Juli“ ist sein erstes Romanprojekt.

Autorenfoto: zeegaro