Eine Gastkolumne von Bernhard Blöchl

Die Zeiten, in denen ein Buch ausschließlich zwischen zwei Umschlagseiten stattfindet, sind vorbei. Das Internet bietet ungeahnte neue Möglichkeiten – sowohl beim Publizieren und Vermarkten, als auch beim kreativen Erzählen. In dieser Reihe gibt der Münchner Autor Bernhard Blöchl, 37, Einblicke in ein Schelmenstück, das sich um seinen kürzlich erschienenen Debütroman „Für immer Juli“ entfaltet. Ein literarisches Experiment, das die Online-Offline-Grenze ignoriert – und Hoffnung macht für eine Web-affine Schriftstellergeneration. Im ersten Teil geht es um frustrierende Absagen und motivierende Ideen.

Eigentlich konnte ich mich nicht beschweren. Mein erster Ausflug ins Abenteuerland für Autoren war geprägt von der normalsten Sache der Schriftstellerwelt: Absagen. Ein Wort wie Schreibblockade, Papierstau oder Ladenhüter. „Schwer zu positionieren“, hieß es in der einen Mail, „darüber kann ich nicht lachen“, unkte es in der nächsten, „schön und gut, aber das Thema ist durch“, niederschmetterte es in der dritten. Erster Versuch, kein Verlag – Alltag in Bücherdeutschland, einem Land, wo angeblich jeder Zehnte seinen Roman schreiben möchte.

Und ich hatte sogar noch Glück, immerhin fand ich früh eine Agentur, die mein Teilmanuskript als „außergewöhnlich“ einstufte und mich unter Vertrag nahm. „Für immer Juli“, wie mein Schelmenroman zur Orientierungslosigkeit des modernen Mannes von Anfang an hieß, sollte verkauft werden, noch bevor der Roman zu Ende geschrieben war. Daraus wurde nichts. Ich setzte den Schlusspunkt unter die Story meines Herzens im Juli 2012 – nach eineinhalb Jahren Schreibarbeit (und ich schreibe bewusst von Arbeit); die großen Verlage, denen meine Agentin das Manuskript hoffnungsfroh angeboten hatte, waren längst fertig mit ihm.

Durch ist Vokuhila, „DSDS“ oder Aperol Spritz, aber doch nicht eines der spannendsten Themen diesseits und jenseits der Geschlechtergrenze

Darüber konnte ich nicht lachen. Vor allem die wiederholt formulierte Begründung, das Thema sei durch, war es, die mich und meine Hauptfigur anstachelte. Die Frage, wie der moderne Mann Mitte 30 sein soll, Schwierigkeiten beim Wandel der Geschlechterrollen – all das soll „durch“ sein? Durch ist Vokuhila, „DSDS“ oder Aperol Spritz, aber doch nicht eines der spannendsten Themen diesseits und jenseits der Geschlechtergrenze. Vor allem Juli, der sinnsuchende Protagonist aus meiner Geschichte, war es, der die Ohrfeige der Verlage nicht hinnehmen wollte. Und so kam der Tag, an dem Juli aus dem Roman fiel.

„Mach doch einen Blog, positioniere dich als Männerversteher und bau dir dein Publikum im Netz selbst auf“, riet mir mein befreundeter Kollege Christian Einsiedel. Die Idee inspirierte mich, aber sie war noch nicht perfekt. Mich selbst in den Mittelpunkt zu rücken und einen auf Dr. Oberschlau zu machen, damit konnte ich mich nicht anfreunden. Ich bin Autor und kein Experte, Fantasie ist mein Wissen. Also grübelte ich weiter, während der Blogautor längst mit den manikürten Fingernägeln scharrte: Juli wollte den Job erledigen. Er hatte eine eingespielte Stimme und er hatte etwas zu sagen. Seine Mission hatte er bereits im Roman vorgegeben: Schluss mit luschig! Der Name des Blogs war demnach schnell gefunden (weitere Ideen wie Testosterontoni.de, Fiftyshadesofmen.de oder Mackeritis.de landeten auf den Plätzen).

Das literarische Experiment, eine Romanfigur bloggen zu lassen, die Figur eines Romans, den noch keiner kennt wohlgemerkt, sollte mir die Frage beantworten, ob das Thema meiner Geschichte tatsächlich „durch“ ist. Zum anderen spürte ich seit jeher kindliche Freude an postmodernen Ebenenverschiebungen, an dem Spiel mit Identitäten, an neuen Marketingtools. Und diese braucht man unbedingt, geht man den Weg des Selfpublishers – was nach den Absagen Ende 2012 mein Ansatz war.

Das Blog als digitale Metaebene zum Roman

Das Projekt gefiel mir immer mehr: das Blog als digitale Metaebene, die Fortschreibung des Romans mit digitalen Mitteln. Ein literarisches Experiment. Wo, bitteschön, steht geschrieben, dass die Hauptfigur eines Romans nur zwischen zwei Buchdeckeln wirken soll? Ich zähle mich zu jener Autorengeneration, die das Schreiben offline lernte, aber auch online nach Herzenslust herumpubliziert. Julis Sprung ins Netz ist da nur konsequent: An der Schwelle von analog zu digital muss man mehr leisten, als nur einen gedruckten Roman zu verfassen, davon war ich fortan überzeugt. Dieses Spannungsfeld wollte ich neu ausloten.

Und noch ein Gedanke fügte sich in das postmoderne Schelmenstück ein wie Rotwein in eine gelungene Bolognese: Das Grundthema meines Romans spiegelt sich auch in dem Blogexperiment wider, die Frage nämlich: Kann man ein anderer sein, als man ist, und wenn ja, wie lange geht das gut?

Um diese Frage geht es im zweiten Teil der Reihe, außerdem um Zustimmung im Netz sowie die Entwicklung der Romanfigur zum Lieblingsblogger, über den die Medien berichten.

Zum Autor: Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor, Blogger und Journalist aus München und arbeitet hauptsächlich im Kultur- und Freizeitressort der Süddeutschen Zeitung und SZ Extra. Unter www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, in dem er inspirierende Romananfänge und Songzeilen sammelt. „Für immer Juli“ ist sein erstes Romanprojekt.

Autorenfoto: zeegaro