Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden seit 2009 regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Andrea SteinerWer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Mein Kopf gehört zu einer Buchhändlerin: Andrea Steiner. Seit über acht Jahren beschäftige ich mich mit Menschen und Bücher und wie man diese zusammenbringen kann. Da ich bei meiner Arbeit in der Buchhandlung gemerkt habe, dass das nicht immer ganz einfach ist, habe ich beschlossen, meinen Kopf mit einem Studium der Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz noch etwas anzufüllen. Ich erhoffe mir, die medialen, ökonomischen, technischen und kulturellen Aspekte von Büchern noch besser verstehen zu können. Und so vielleicht neue Wege zu entdecken, wie heute ein Buch (oder so was Ähnliches) über das Internet zu seinem Leser finden kann. Anfang des Jahres bin ich über die Innovations-Initiative des Börsenvereins gestolpert – das Prototype Projekt – und ohne groß nachzudenken habe ich mich beworben… Daraus ist nun nextBookstop geworden, womit ich mich beschäftige neben dem Studium und meinem Nebenjob in der Buchhandlung.

NextBookstop soll eine Verkaufsplattform schaffen, die sich auf die Kompetenzen und die Verfügbarkeit von stationären Buchhandlungen stützt. Die Vision ist: der Leser kauft seine Bücher nicht mehr bei Amazon, sondern wieder beim Buchhändler von nebenan. Allerdings zum gleichen Preis und mindestens genauso bequem, und zusätzlich natürlich besser beraten. Mit Smartphone, Tablet und Co. kann der nach Lesestoff Lechzende über die nextBookstop App sein Buch ausfindig machen und es sofort beziehen; entweder per Selbstabholung oder bequem per Kurier nach Hause. Wie das geht: wir knüpfen an die Warenwirtschaftssysteme aller Buchhandlungen an und bilden so den Warenbestand an Büchern vor Ort in Echtzeit ab, zudem wird der Standort des Kunden automatisch geortet; so führen wir Buch und Leser auf schnellstem Weg zusammen. Neben den normalen Büchern können auch eBooks über nextBookstop bezogen werden und zwar nicht nur in Form einer Lizenz – also einem Leserecht – sondern wirklich gekauft, mit allen Rechten die der Kauf beinhaltet. Der Leser kann so sein eBook einem Freund ausleihen, es zum Geburtstag verschenken, oder es wieder verkaufen: eben alles das tun, was er gewohnt ist mit Büchern zu tun.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

In erster Linie bewältige ich meinen Alltag an der Universität und bei meinem Nebenjob. Die zweite Hälfte des Tages gehört aber ganz nextBookstop. Täglich verfolge und beobachte ich den Buchmarkt im Netz, welche Initiativen und Verbündete gibt es, was will der Leser von heute, und wie entwickeln sich Rahmenbedingungen wie Gesetze. Darüber hinaus diskutiere ich mit meinem Team sowie anderen engagierten Menschen aus der Branche, aber auch branchenübergreifend.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

So einiges hat sich über die Zeit verändert, dazu möchte ich mit einer kurzen Geschichte Einblick in meinen Alltag als Buchhändlerin geben: Ein Kunde kommt in den Laden und fragt, ob ich ein Buch für ihn suchen und bestellen kann. Klar gerne, sage ich. Prompt bekomme ich die Meldenummer 15, das sagt jedem Buchhändler „Aufgemerkt, jetzt wird es schwierig“. Ich sage dem Kunden, dass ich ihm nicht fest zusichern kann, wann das Buch kommt, da es momentan bei unserem Großhändler nicht vorrätig ist. Was sagt der Kunde daraufhin zu mir? Richtig: „ich hab das auch schon im Internet zu Hause gesucht und bei Amazon gab es das noch, können Sie nicht da bestellen!“ Der Kunde ist also gewillt, ein Buch bei mir im Laden zu kaufen, obwohl er es vorher schon auf Amazon recherchiert hat. Erst das Unding, dass ich ihm das Buch leider nicht über den Zwischenbuchhandel ordern kann, drängt ihn wieder in die Arme von Amazon … man fühlt sich manchmal ganz schön hilflos, sag ich Ihnen.

Da muss man wirklich auch an die Buchhändler appellieren, die sich leider zu oft passiv dem gegenüber verhalten, was gerade passiert und keine Versuch unternehmen, etwas an ihrer Situation zu ändern. Auch wir als Buchhändler müssen Neues in unsere Buchläden einkehren lassen: Denn es gibt nicht DIE Buchbranche, DAS Web und DEN Leser. Die Grenzen verschwimmen, das Digitale verwebt sich mehr und mehr mit unserer körperlichen Welt … Holzauge sei wachsam.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das Problem habe ich oben glaube ich schon ganz gut geschildert ;-) Mit nextBookstop versuchen wir eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt zu schlagen, den ‚missing link‘ zu finden, um dem User zum bestmöglichen Kauferlebnis zu verhelfen und dem stationären Buchhandel einen Klaps mit auf den Weg in die Zukunft zu geben. Für einzelne kleine Buchhandlungen ist es nicht möglich, gegen die Marktgiganten anzustänkern. Das Know-how fehlt und die Ressourcen sind teuer; aber gemeinsam können wir das schaffen! Derzeit sieht es doch so aus: es gibt wenige sehr große und proprietäre, also geschlossene Shop-Giganten, die den Markt regieren. Was das bedeutet, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Apple-„Sittenwächter“ erlauben sich, nach firmeneigenen Kriterien Inhalte vom Shop auszuschließen; Amazon entreißt seinen Kindle-Kunden die gekauften eBooks, sobald diese sich einem anderen Shop zuwenden, und entmündigt sie so. Die Leser dieser Welt suchen nach Alternativen – können sie aber nicht finden, denn es gibt sie noch nicht. Wir wollen das mit nextBookstop ändern. Momentan sind wir noch in der Entstehung, das bedeutet für uns, wir müssen Sponsoren finden; an der technischen Umsetzung feilen; Buchhandlungen für unseren Shop gewinnen und natürlich Mitstreiter finden, also Menschen, die sich mit Ideen einbringen und uns helfen, das Konzept zu optimieren. Wir wollen nicht einsam in unserem Kämmerchen brüten, sondern so viele Stimmen einholen wie es nur geht.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Alle Buchhändler da draußen: setzt euch mit uns in Verbindung und beteiligt euch aktiv bei der Entstehung von nextBookstop. Alle Leser da draußen: lasst euch nicht einsperren von wenigen, mächtigen Anbietern und vor allem lasst euch nicht die Chance nehmen, jetzt, wo es noch geht, die Zukunft mitzugestalten, ein Gegengewicht zu bilden, eine Alternative aufzubauen. An alle Financiers da draußen: just call us. An alle Köpfe da draußen: seid nicht dumm – denkt anders!

Wo finden wir Sie im Internet?

nextBookstop:
www.nextBookstop.com
facebook.com/nextBookstop
twitter.com/nextBookstop

Privat:
twitter.com/kalibuster
facebook.com/andrea.steiner.509
xing.com/profiles/Andrea_Steiner36

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Andrea Steiner