Stefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne „Unser kleiner Verlag“ gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Nur noch selten fallen tagsüber Schüsse, meint Mike Kamber, als wir uns setzen. Nachts, okay, das sei noch schwieriger, aber vieles habe sich schon gebessert in diesem Teil der Bronx. Sein Büro ist gleichzeitig die Ausstellungsfläche des „Bronx Documentary Centre“ ist: Ein weißgestrichener, hoher Raum mit großen Fenstern im Erdgeschoss eines roten Backsteingebäudes, 614 Courtlandt Avenue, New York 10451, nur ein paar Subway-Stationen von Manhattan und doch ganz weit weg vom Glitzer und Reichtum der Metropole. Mike hat diese Galerie gegründet, um Jugendlichen zu helfen, um ihnen einen Ausweg zu zeigen mit Hilfe der Fotografie.

25 Jahre lang hat er meist im Auftrag der „New York Times“ die Kriege dieser Welt dokumentiert, war unter anderem im Kongo, Haiti, in Afghanistan, im Irak, überall dort, wo getötet wurde. Er hat sein Leben dafür riskiert, damit Leid und Tod nicht vergessen werden. Nun lebt er in der Bronx, man könnte sagen: wieder zwischen jenen, die in Gefahr sind, vergessen zu werden. Mike Kamber ist Ende 40, ein Mann mit kräftigem Händedruck, einem leicht ergrauten Kinnbart und durchdringendem Blick. In den Kriegen, in der Zeit des Wartens, hatte er damit begonnen, Berufskollegen für ein Buch zu interviewen. Mit Marco Di Lauro traf er sich in einer Bar in Kabul, an einem der wenigen Orte, wo Westler ein wenig Alkohol trinken können. Patrick Chauvel, der seit Jahrzehnten Kriege in aller Welt fotografiert, lud ihn zu sich nach Paris ein und bekochte ihn auf französische Art. Als Kamber mit Andrea Bruce in Bagdad stundenlang zusammenhockte, explodierten draußen die Granaten. Beide waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie es kaum bemerkten: „Es war wie eine kleine Pause von all der Gewalt da draußen“, erinnert sich Kamber.

Ich bin nach New York gereist, um Mike nach der Vermittlung durch Spiegel-Reporter Takis Würger kennenzulernen, und mit ihm darüber zu sprechen, ob wir sein amerikanisches Original „Photojournalists on war“, das sich auf den Irak-Krieg konzentriert, ausweiten dürfen. Mike willigt ein. Er freut sich, dass wir uns für sein Projekt interessieren. Fred Grimm, ein erfahrener Journalist (u.a. „Stern,“, „max“) aus Hamburg, wird nach New York reisen und mit ihm wochenlang jedes Dokument editieren. Aus 40 Texten der US-amerikanischen Ausgabe wählen sie die Hälfte für „Bilderkrieger“ aus.

Als meine Frau Julia und ich Mikes Manuskript zum ersten Mal lasen, seine raue Intensität, die Geschichten von Mut und Verzweiflung und Angst und auch dem Gefühl, im Irrwitz der heutigen Medienwelt nicht mehr durchzudringen, war klar: Wir müssen dieses Buch verlegen. Es fühlt sich beinahe wie eine Verpflichtung an. Wer es kaufen wird? Die Frage verdrängten wir. Diese Frauen und Männer haben alles riskiert, uns die Augen zu öffnen. Joao Silva, Mikes bester Freund, verlor seine Beine, als er in Afghanistan auf eine Anti-Personen-Mine trat. Chris Hondros wurde in Libyen erschossen, bevor das Buch erschien.

Mike breitet Fotos auf einem Tisch aus. Es sind intensive Bilder, jedes einzelne, alle erzählen eine Geschichte. Manche wird man nicht mehr los. Man fragt sich, wie viel davon eine Seele sehen kann, bevor sie Schaden nimmt.

„Ich kann es nicht mehr“, erzählt er, „es war zu viel.“

Die Tür geht auf, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft kommt hinein. Sie erzählt von zwei vernachlässigten Jugendlichen aus ihrem Block, die Mutter Alkoholikerin, der Vater ein Drogenwrack. Mike bittet sie, die Kinder vorbeizuschicken. „Wenn wir uns nicht um den Jungen kümmern, wird er in einer Gang landen“, meint er. Wenig später steht ein Mann unter einer verschlissenen Baseballkappe im „Bronx Documentary Centre“, mit einem ähnlichen Fall. Immer wieder: Drogen, Armut, Gewalt. Mike leitet hier nicht nur eine Galerie, sondern er ist auch so etwas wie ein Sozialarbeiter, ein Kummerkasten, ein Schutzpatron.

Warum tut er das?, frage ich ihn. Warum, nach allem, was er erlebt hat? Warum wohnt er nicht in einem Häuschen in Maine oder einer Strandhütte auf Long Island? Warum macht er weiter, von einem Krieg zum anderen?

„Weil es doch einer tun muss“, entgegnet er. „Es ist in mir drin.“

Sieben Monate später erscheint „Bilderkrieger“. Nach einem Beitrag über den Deutschen Kriegsfotografen Christoph Bangert auf „Spiegel online“ setzt ein regelrechter Sturm auf das Buch ein. Auf Amazon rangierte das Buch auf Platz 1 in der Kategorie „Aufsteiger des Tages.“ Campino, ein alter Freund, schreibt eine SMS: „Ein aufrüttelndes und wichtiges Buch!“

Nie fühlte sich ein Teilerfolg richtiger an.

Bildquelle: Stefan Krücken