Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

Vor einiger Zeit hat bei uns zu Hause zur Debatte gestanden, den Fernseher abzuschaffen. Ich habe eingewendet, dass ich fernsehen entspannend finde. Tatsächlich habe ich früher, bevor unsere Tochter geboren wurde, in Arbeitspausen vom Lektorieren oder Schreiben tagsüber gelegentlich für 10, 15 Minuten den Fernseher angeschaltet, quasi zum Gehirnausleeren. Das Gegenargument meines Mannes war damals, dass ich meine Pausen ja anders verbringen könne, zum Beispiel mit Lesen. Da war ich baff: Eine Lektorin, die den ganzen Tag über Texten sitzt, soll in der Pause lesen?

Das, was hier so banal klingt, ist tatsächlich ein Knackpunkt, der mir im Magen liegt: Ich habe nur noch wenig Motivation fürs „normale“ Lesen als Freizeitbeschäftigung. Den ganzen Tag über bin ich mit dem Wahrnehmen, haarscharfen Beobachten und Aufsaugen von Textstrukturen und Inhalten beschäftigt, sodass ich mittlerweile registrieren muss, dass für mich das Lesen als Selbstzweck nicht mehr unmittelbar mit Entspannung verbunden ist. Zumindest dann nicht, wenn das Lesen Kontrastprogramm zum Arbeiten sein soll. Ich liebe (vergöttere!) meinen Job und kann mir keinen anderen vorstellen – und trotzdem klingt das, was ich da gerade geschrieben habe, irgendwie negativ, oder? Beinahe so, als ob ich nur von Berufs wegen lese und das nicht freiwillig mache …

Ich habe darüber nachgedacht: Vermutlich hat die vertrackte Situation ganz schlicht mit dem Aufmerksamkeitslevel beim Lektorieren zu tun. Sorgfältig, im Schneckentempo, Silbe für Silbe, manchmal auch Buchstabe für Buchstabe durchforstet man Texte, um Fehler aufzustöbern oder nach der schöneren, runderen, optimaleren Formulierung zu suchen. So spannend und interessant das Lektorieren inhaltlich auch meistens ist – es ist doch anstrengend. Am Ende des Tages lässt die Aufnahmefähigkeit deutlich nach. In der Sichtweise der Blickbewegungsanalyse wechseln Fixationsphasen – also das Verharren auf bestimmten Wortteilen oder Worten – mit Sakkaden – dem ruckartigen Springen zu den folgenden Fixationspunkten. Durch die spezifische Leseeinstellung beim Lektorieren (sozusagen durch das Vorhaben, „analytisch“ zu lesen) zwingt man sich dazu, diesen Rhythmus aus Fixationen und Sakkaden zu verlangsamen, sodass Detailgenauigkeit entstehen kann. Wenn Sinn und Argumentationsfolgen nicht eindeutig oder verständlich sind und wenn Ermüdung eintritt, kommt es zu sogenannten Regressionen, also zum Zurückspringen auf frühere Fixationspunkte, was zur Folge hat, dass Wortteile, Worte, Satzteile oder ganze Sätze noch einmal gelesen werden müssen. Diese Regressionen (die tollerweise nicht nur ein wissenschaftliches Konstrukt, sondern unmittelbar spürbar sind) kennt sicherlich jeder, der über längere Zeit anspruchsvolle Texte liest – und natürlich auch „professionelle Leser“ wie Lektoren sind vor ihnen nicht gefeit. Irgendwann ist also die Ermüdung da, und für mich bietet dann das „Freizeitlesen“ unabhängig von den Inhalten keine echte Erholung mehr.

Meine private To-do-Liste in puncto Romanelesen wird also wohl erst einmal noch weiterwachsen. Und ich beneide jeden, der tagein, tagaus immer nur lesen kann …