Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Christine v. Bülow Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

„Wie Geld sollten Bücher ständig im Umlauf gehalten werden“ – da hat Henry Miller doch mal Recht gehabt! Ich jedenfalls halte sehr viel davon, Bücher bevorzugt auszuleihen und zu verleihen, weiterzureichen und gebraucht zu kaufen. Damit falle ich mir in meiner Eigenschaft als Übersetzerin natürlich entsetzlich selber in den Rücken, da müßte ich doch den Umsatz der Buchhandlungen um jeden Preis steigern wollen…

Ich habe als Schülerin in Norwegen gelebt und später Skandinavistik studiert. Schon parallel zum Studium habe ich angefangen, Norwegisch zu unterrichten und aus skandinavischen Sprachen zu übersetzen – norwegisch, dänisch, schwedisch. (Mein Isländisch ist leider trotz Auslandssemester in Reykjavik und Ferienjob in einer Fischfabrik auf den Westmännerinseln nicht präsent genug.)

Neben Sprache und Literatur bestimmt aber schon immer Musik mein Leben, und seit gut 15 Jahren bin ich zudem freie Musikerin und spiele und singe in Akustik-Klesmer-Ensembles, arrangiere auch für diese und moderiere die Bühnenauftritte, und unterrichte mein Instrument, die Oboe. Sechs CDs meiner unterschiedlichen Projekte lagern in meiner kleinen, wunderbaren Dachgeschoßwohnung, und zum Glück werden es beharrlich weniger.

Das ist fein, denn sie eignen sich nicht zur Konstruktion von Möbelstücken. Bücher hingegen: Hobo Highbrow, erfolgloser Schriftsteller und Held in Pål H. Christiansens Roman „Die Ordnung der Worte“, richtet sich jedenfalls mit den Restauflagen seiner literarischen Produktion neu ein. Auch das geht mit Büchern – statt schnödem Stapeln mal Tischchen bauen und den Fußboden kacheln! Überhaupt ist der gute Hobo ein ziemlich schräger Vogel, der sich aber gerne einen sprachlich hochseriösen Anstrich gibt. Wir haben uns gut kennengelernt, ich mußte sehr genau hinter die Fassade dieser Figur schauen, denn „Die Ordnung der Worte“ war meine erste Romanübersetzung ins Deutsche.

Vorher und seitdem habe ich hauptsächlich – veröffentlichte und nicht veröffentlichte – Fachtexte übersetzt. Und in den letzten Jahren sind die ersten Bände der Kinderbuchreihe um dem frechen Kabeljau Fjodor, ebenfalls von Pål H. Christiansen, auf deutsch erschienen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Auf dem Weg zum Frühstück schalte ich den Computer ein, um neue E-Mails und Nachrichten aus Norwegen abzurufen. Am Schreibtisch wechseln sich dann Unterrichtsvorbereitung und Konzertakquisition ab. Eigene Übezeit, die Arbeit an Arrangements und Ensembleproben kommen noch hinzu. Nachmittags und am frühen Abend bin ich dann außer Haus für Unterrichtsstunden und Kurse. Konzerte, gegebenenfalls mit längerer Anfahrt und Übernachtung vor Ort, füllen viele Wochenenden aus. Darum ist es wichtig für mich, auch „unter der Woche“ genug Ruhepunkte zu finden – mit kleinen Wanderungen, Tai-Chi und gerne einem Cafébesuch mit Zeitungslektüre.

Lesen und Textarbeit fallen dann meistens in die Randbereiche des Tages. Stehen längere Übersetzungen an, versuche ich zwar auch, vormittags regelmäßige Arbeitszeit dafür einzurichten. Aber die Nachtstunden üben immer eine besondere Anziehung aus – zwischen Mitternacht und Morgengrauen verschwimmen die Konturen der Welt, und der Übergang von einer Sprache in eine andere fließt oft leichter. (Übrigens auch für Musik eine sehr kreative Zeit – gut, wenn man einen Übungsraum zur Verfügung hat für so späte Stunden!)

Das nachts Entstandene sollte allerdings im Tageslicht noch einmal kritisch begutachtet werden… Das konzentrierte Tippen des deutschen Textes ist zudem ja höchstens die halbe Arbeit. Je nach Textsorte und Sachgebiet gehören weitere Recherche und Bearbeitung zu meinen Aufgaben: Geht es um Fährtentraining, suche ich den örtlichen Hundeplatz auf, für einen Krankenhausbericht konsultiere ich die Universitätsbibliothek.

Um den treffenden Ausdruck, die passende Metapher aufzustöbern, löchere ich Freund und Feind mit den berüchtigten „wie-sagt-man-das?“-Fragen. Das Umwälzen alternativer Formulierungen ist wie Kaugummi fürs Hirn! Um den Stil literarischer Werke zu treffen, muß ich die Sprache außerdem zum Klingen bringen, das heißt Probeabschnitte unbedingt laut lesen, am besten vor Publikum vortragen – mal dem Künstlertreff, mal der späten Kneipenrunde, mal meinen Eltern. Und, ja, spätestens die halbfertigen Entwürfe werden bei mir immer ausgedruckt, damit ich und mein Haus-Korrekturleser darin nach Herzenslust herumkritzeln können.

Zur Zeit übertrage ich ausgewählte norwegische Lyrik, unter anderem für eigene Vertonungen. Dabei benutze ich große Blätter, auf denen ich Originaltext, Strukturanalyse und deutsche Wortassoziationen in verschiedenen Farben eintragen kann, bevor dann die deutsche Nachdichtung – am besten aus einem Guss! – auf einem neuen Papier entsteht.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Schon während meines Studiums konnte ich für den Metzler-Verlag an der deutschen Ausgabe der „Musikgeschichte Nordeuropas“ (erschienen 2001) mitarbeiten. Für die Übersetzung dieses breit angelegten Fachbuchs war ich mit meinem Magister-Nebenfach Musikwissenschaft natürlich prädestiniert. Vor allem aber vermittelten die Kieler Professoren Heinrich W. Schwab und Friedhelm Krummacher den Auftrag an mich und zwei Kommilitonen.

Die Zusammenarbeit mit dem Autor Pål H. Christiansen hat die norwegische Literatur-Förderorganisation NORLA („Norwegian Literature Abroad“) angeschoben und unterstützt. Solche Fürsprecher für das vergleichsweise langwierige Produkt „Buch“ zu finden, scheint mir heute schwieriger.

In der musikalischen Arbeit erlebe ich deutlich die Auswirkungen der rückläufigen Kulturförderung. Spielstätten verschmälern ihr Programm, konzentrieren sich auf massentaugliche und möglichst billige Angebote – am besten „Events“ – oder verschwinden ganz. Nur durch die Besetzung einer ganz speziellen Nische können meine Musikprojekte sich behaupten. Und dies erfordert, selbst auf unserem bescheidenen Level, viel Engagement, wenn nicht schon Dickköpfigkeit.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Der Buchmarkt leidet ja unter ähnlichen Problemen wie die freie Konzertszene – unüberschaubar großes Angebot, Dominanz des Massenmedientauglichen, Profitzwang. Als Leserin und Übersetzerin bevorzuge ich Literatur abseits des Marktes und wundere mich dann eigentlich auch nicht, daß meine Lieblingsbücher keinen Verlag finden. Aber ist nicht auch das physische Buch vielleicht schon bald ein Nischenprodukt auf gleicher Linie wie ein technikloses Konzert, könnten sich da nicht ebenfalls neue Möglichkeiten für diese exotischen Pralinchen auftun? So ein hoffnungsloses Herzensbuch ist die kleine Romanze „Hummel und Honig“ von Pål H. Christiansen: eine Liebesgeschichte voller Klischees, aber mit ganz eigenen Mitteln erzählt, die diese Klischees gehörig auf den Kopf stellen.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Da ich meine eigene Akquisition zur Zeit auf die Musik beschränke, freuen mich alle Übersetzungsanfragen, die an mich gerichtet werden. Besonders gerne würde ich ein verlegerisches Zuhause für „Hummel und Honig“ finden – eine Buchpräsentation und eine Probeübersetzung finden sich hier.

Wo finden wir Sie im Internet?

Über meine Bands: www.schmarowotsnik.de und www.chuzpenics.de

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Christine v. Bülow