Die folgenden sechs Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Steffan Heuer Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin US-Korrespondent des Wirtschaftsmagazins brandeins in San Francisco und beobachte Technologie und Innovation, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern in der Wechselwirkung mit dem Wirtschafts- und Privatleben. Dabei sind Bücher ein unersetzliches Werkzeug, denn man findet mit Internet-Recherchen längst nicht alles. Verlage schicken mir regelmäßig Rezensionsexemplare neuer Sachbücher rund um Management, Wirtschaftswissenschaften und Informatik zu. Ich nehme mir gerne die Zeit, wichtige Autoren persönlich zu ausführlichen Gesprächen zu treffen, und zwar nur nachdem ich deren Werk auch gelesen habe. So passiert es mir immer wieder, dass sich ein Interviewpartner am Ende überrascht zeigt, dass ein Journalist tatsächlich sein oder ihr Buch gelesen und nicht nur die begleitende Pressemitteilung überflogen hat. Bücher sind insofern wichtige Ansatzpunkte für tief schürfende Gespräche.

Dasselbe erwarte ich übrigens auch von Kollegen, die mein neues Buch “Mich kriegt ihr nicht! Gebrauchsanweisung zur digitalen Selbstverteidigung” besprechen oder sich mit mir darüber unterhalten. Das Thema der digitalen Selbstverteidigung ist angesichts der vielen, oft unerkannten Gefahren im Internet zu wichtig, um es nur auf ein paar Schlagworte zu verkürzen. Wie man seine Daten und seine Privatsphäre besser schützt, wenn man sich mit Computer oder Smartphone im Alltag bewegt, geht jeden an. Gerade weil sich Bürger, Technologiefirmen wie Facebook oder Google sowie Politiker in einem ständigen Tauziehen und Wettrüsten befinden, spielen Bücher zu diesem Thema eine wichtige Rolle. Obendrein ergänzen sie als unaufgeregte Informationsquelle hervorragend die Vielzahl kurzer Online-Texte.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Aufgrund der neun Stunden Zeitverschiebung zu Europa sicherlich anders als bei vielen der schreibenden Zunft. Im Morgengrauen erst einmal der Blick aufs Tablet, was an neuen eMails eingegangen ist, die sofort bearbeitet werden wollen, bevor der Arbeitstag in Deutschland zu Ende ist. Nach der Zeitungslektüre (immer noch auf Papier) zum Frühstück folgt ein Rundgang durch mehrere Dutzend Newsletter, die elektronisch eingetroffen sind. Danach schließt sich ein fließender Wechsel zwischen Lesen, Telefonieren und Schreiben an, der sich durch alle Zeitzonen bewegt, von Los Angeles über New York bis Berlin und Hongkong.

Wenn ich längere Artikel schreibe, klinke ich mich allerdings aus den diversen Kommunikationsmitteln aus, um ungestört nachdenken und arbeiten zu können. Am Abend noch ein letzter Blick ins Web auf die Zeitungen von morgen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Mehr Konzentration auf das Wesentliche. Da man sich mit Gesprächspartnern an fast jedem Ort der Welt inzwischen per Mail oder Skype zusammensetzen kann, ohne den Schreibtisch zu verlassen, reise ich weniger für meine Recherchen. Gleichzeitig suche ich mir bewusster heraus, wen ich in der so frei gewordenen Zeit wirklich von Angesicht zu Angesicht sprechen will und trete nur solche Reisen an. Meine Mobilität hat sich also verschoben und besteht jetzt aus weniger, aber oft längeren Reisen.

Was ist ein Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Wer wie ich Technologie und Innovation im Silicon Valley beobachtet, droht auf Dauer das Opfer von zwei Dingen zu werden. Einmal die Gruppendenke der Region, beim technischen Fortschritt und der gesellschaftlichen Akzeptanz der dort entwickelten Angebote der Nabel der Welt zu sein. Was Ingenieure aushecken ist noch längst nicht nützlich oder notwendig für den Normalverbraucher. Zweitens das unablässige Tempo, mit dem sich oft halbgare Ideen jagen. Selbst wer nur als Beobachter dabei ist, wird in den Sog der “eingebauten Obsoleszenz” hineingezogen, bei der jedes neue Quartel mit einer angeblichen Revolution aufwartet. Deswegen bin ich immer auf der Suche nach Maßnahmen und auch Werkzeugen, die mir helfen, Distanz herzustellen und mehr kritische Außensicht zu üben. Das können Auszeiten vom Netz sein oder das bewusste Vermeiden bestimmter Dienste wie Facebook, die zu viel meiner Aufmerksamkeit mit Trivialem belasten und zugleich meine Privatsphäre missachten.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren – welche Art von Kontakten wäre zurzeit hilfreich für Sie?

Ich freue mich über jeden, der mir von seinen positiven wie negativen Erfahrungen mit sozialen Medien berichten möchte. Ich bin auch immer ganz Ohr, wenn mir Mitmenschen ihre Bemühungen beschreiben, ihre persönlichen Daten im Netz besser zu schützen. Und fast jeder hat solche Erfahrungen gemacht. Bücher und Artikel wie meine leben davon, stets aktuelle und praxisnahe Beispiele zu nennen. Zum Thema der digitalen Selbstverteidigung und dem vernetzten Leben ist jeder sachdienliche Hinweis willkommen.

Wo finden wir Sie im Internet?

digital-selfdefense.com
steffan@digital-selfdefense.com

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Thomas Kern