Hans Peter Roentgen: Die Delete-Taste ist der beste Freund der Autoren

Die folgenden fünf Fragen unserer Interview-Reihe werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Hans Peter Roentgen Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin Hans Peter Roentgen und ich korrigiere Texte, zeige Schwächen auf, schlage Verbesserungen vor. Nein, nicht in Verlagen. Ich arbeite mit den Texten unveröffentlichter Autoren. Weil ich festgestellt habe, dass Nachwuchsautoren oft ihr Potenzial nicht nutzen, weil die Erfahrung fehlt.

Nachwuchsautoren, die eine Kritik ihrer ersten Seiten wünschen oder ihres Exposés, schicken mir das. Ich schaue mir das an, erkläre, wo ich Probleme sehe, wo der Leser das Interesse verliert und warum. Und schlage Verbesserungen vor.
„Papierkörbe sind die besten Freunde der Autoren“ hat der Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer gesagt. Heute würde man sagen: Die Delete-Taste ist der beste Freund der Autoren. Tatsächlich gewinnen viele Texte allein dadurch, dass man alle unnötigen Erklärungen löscht und die Handlung voranmarschieren lässt.

Nur muss man dazu erkennen, was überflüssig ist. Und dazu braucht es Erfahrung, das ist oft ein mühsamer Lernprozess. Viele Autoren lieben auch ihre Figuren und möchten, dass ihnen nichts böses geschieht. Gretchen hätte sich da nie mit dem alternden Beau Faust eingelassen. Hänsel und Gretel hätten vor dem Hexenhaus einen lieben Förster gefunden, der sie aufgenommen und vor dem schrecklichen Schicksal bewahrt hätte. Verständlich, dass Autoren so denken, aber so entstehen keine guten Geschichten. Autoren müssen auch den Mut haben, ihre Geschichte bis zum bitteren Ende zu verfolgen.

Drei Bücher sind aus meiner Arbeit entstanden. „Schreiben ist nichts für Feiglinge – Buchmarkt für Anfänger“ schildert die unterschiedlichen Wege verschiedenster Autoren zum veröffentlichten Buch. Der Weg ist meist länger, als viele denken, aber ich staune, wieviele meiner Kollegen mittlerweile im Ziel angekommen sind. „Vier Seiten für ein Halleluja“ beschäftigt sich mit den ersten vier Seiten von Manuskripten anhand zahlreichere Beispiele von Nachwuchsautoren. „Drei Seiten für ein Exposé“ will Autoren das Exposieren erleichtern.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Morgens Fachseiten im Internet durchstöbern. Montsegur, Syndikat, Facebook natürlich (meist viel zu lange). Nachmittags Texte korrigieren, die mir Autoren gemailt haben oder an einem neuen Buchprojekt arbeiten. Das nächste beschäftigt sich mit „Spannung – der Unterleib der Literatur“ und wer mir dafür Beispieltexte senden mag, ist hochwillkommen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Die Arbeit hat sich in den letzten Jahren gar nicht so sehr verändert – höchstens dadurch, dass ich dazulerne. Das bleibt nicht aus, wenn man etwas oft tut ;-). Was sich verändert hat, ist die erstaunliche Beobachtung, dass immer mehr Kollegen, die ich vor vielen Jahren in Foren, Seminaren, Werkstätten kennengelernt habe, nach einem langen Weg doch zu einem Verlagsvertrag gekommen sind. Das werden immer mehr.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Die Geduld. Auch Schreiben muss sich entwickeln, niemand wird über Nacht zum Bestsellerautor. Viele Autoren glauben, wenn sie ihren Erstling nicht unterbringen, dass alles verloren sei. Dabei brauchten die meisten veröffentlichten Autoren, die ich kenne, sieben bis fünfzehn Jahre, bis sie zum Verlagsvertrag kommen.

2000-2005 hatte der Bestsellerautor Andreas Eschbach und der Perry Rhodan Cheflektor Klaus Frick in Wolfenbüttel jährliche Seminare für den Schriftstellernachwuchs abgehalten. Als die Seminare endeten, hatte dennoch niemand der Teilnehmer einen Verlagsvertrag. Offensichtlich waren Werkstätten nicht geeignet, den Nachwuchs zu fördern? Oder kommt es doch nur auf das Talent an?

2010, etliche Jahre später, sah das ganze schon wieder anders aus. Wulf Dorn landete einen sehr erfolgreichen Thriller „Trigger“, Ursula Poznanski mit „Erebos“ einen ebenso erfolgreichen Jugendroman. Beide wurden in viele Sprachen übersetzt, beide haben weitere erfolgreiche Bücher geschrieben und etliche Preise eingeheimst. Nicht zu vergessen Kathrin Lange, ebenfalls Seminarteilnehmerin und gerade habe ich von Angelika Öhrlein eine Mail bekommen, dass ihr Buch veröffentlicht wird.

Auch die Autoren, die ich später selber betreut habe, haben nicht sofort einen Verlagsvertrag gelandet. Doch mittlerweile sieht auch das anders aus. Ingrid Poljak, Ulrike Sosnitza und Tanja Riedel haben in den letzten Monaten Erfolg eingefahren. Beim Autorenforum Montsegur habe ich Exposé Werkstätten moderiert, etliche der dort diskutierten Ideen sind mittlerweile veröffentlichte Bücher geworden.

Geduld, das weiß ich mittlerweile, ist fast das wichtigste Talent für Autorenkarrieren. Über Nacht werden die wenigsten erfolgreich. Aber das den Autoren zu vermittlen, ist oft schwierig.

Wo finden wir Sie im Internet?

Bei Textkraft: www.textkraft.de

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Hans Peter Roentgen

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