Thorsten Küper und Kirsten Riehl über SecondLife als Plattform für Autoren-Lesungen und Kultur-Events

Thorsten Küper ist freischaffender Autor, Blogger, Filmemacher, Web-2.0-Aktivist, Bewohner virtueller Welten und Cyberpunk.

Kirsten Riehl leitet in Second Life die Literaturgruppe „Brennende Buchstaben„.

SecondLife? Da war doch mal was. Ah ja, ich entsinne mich dunkel. Das war diese virtuelle Welt. Im Jahre 2007 kurzzeitig medial gehyped, dann als Spielwiese perverser Online-Solipsisten dingfest gemacht und kurz darauf abgeschaltet. Oder zumindest haben sie das Licht ausgemacht. Heute treibt sich da ja niemand mehr rum.“

Obiges Statement entspricht etwa dem, was uns die Mainstreammedien ab 2008 über die virtuelle Welt von SecondLife mitgeteilt haben. De facto hat die von Linden Lab online gestellte 3D-Plattform aber nie ihre Nutzer verloren, erfreut sich bei den Fans auch im Jahr 2012 nach wie vor großer Beliebtheit. Sie ist nur einfach seit 4 Jahren aus dem Fokus der medialen Aufmerksamkeit verschwunden. Eine Fehlinterpretation der gescheiterten kommerziellen Experimente großer Unternehmen in SecondLife. Fälschlicherweise war man – wieder einmal – davon ausgegangen, die virtuelle Welt ließe sich im Vorbeigehen als Verkaufsplattform nutzen. Schön, dass das nicht funktioniert hat. Wir würden sogar weiter gehen und stattdessen behaupten, dass der frühe Massenexodus von Autofabrikanten, Turnschuhherstellern, Mobilfunkunternehmen und Briefszustellern die eigentliche Geburtstunde des Kulturstandorts SecondLife eingeläutet hat. Aber dazu gleich mehr.

Brennende Buchstaben nennt sich unsere Literaturgruppe in SecondLife. Spezialisiert haben wir uns auf Lesungen und Kulturevents, die wir im 3D-Cyberspace organisieren. Zauselina Rieko alias Kirsten Riehl über die Idee hinter der von ihr gegründeten Literaturgruppe:

Fasziniert von den Möglichkeiten des Internets stieß ich 2007 auf die 3D-Welt Second Life. Dort konnte man Gegenstände erstellen, mit seinem Avatar fliegen, und natürlich auch – ganz klassisch – chatten. Meine große Liebe gilt der Literatur. Als Germanistin wollte ich natürlich wissen, welche Möglichkeiten Second Life da bereit hält. Ich fand vor allem englischsprachige Gruppen, die mit Lesungen und Autoreninterviews aktiv waren. Auf dem deutschsprachigen Sektor tat sich zu meiner großen Verwunderung nichts. 2008 gründete ich die Gruppe Brennende Buchstaben. Meine Idee war es, die deutschsprachigen User zusammenzubringen und gute Unterhaltung anzubieten. Die Wege zu Lesungsorten lagen nur einen Mausklick entfernt, was bedeutete, dass die Welt zu einem Dorf schrumpfen müsste. Im Juni 2008 sprach ich alle aktiven Second-Life-User an, von denen ich wusste, dass sie schriftstellerisch aktiv waren, um sie zu einer gemeinsamen Lesung zu versammeln. Ich bekam nicht eine Absage.

Angestachelt von diesem ersten Erfolg fuhr ich fort, Lesungen zu organisieren. Mittlerweile haben wir die Second-Life-Gruppe auf Facebook und Twitter ausgedehnt, sodass unsere Einladungen über mehrere Kanäle laufen. Zusammen mit Thorsten Küper, der 2009 zu den Brennenden Buchstaben kam, setzen wir die Lesungen fort, manchmal zu einem Thema oder nach Genre ausgewählt.

Und das „First Life“ wird darüber keinesfalls vergessen. Wir haben Events ins Leben gerufen, die beide Welten verbinden. So lesen die Autoren und Autorinnen auf einer realen Bühne, das Ganze wird nach Second Life übertragen und ergänzt um VorleserInnen, die ausschließlich im Internet zugeschaltet sind und wiederum dem realen Publikum präsentiert werden.

Der Zugang ist dabei denkbar einfach. Man benötigt einen Rechner, eine Internetverbindung und die kostenlose Software Second Life. Nach dem Download kann man sich anmelden, Man gibt eine gültige E-Mail-Adresse an, wählt einen Nicknamen, bestätigt die Anmeldung per Mail und kann einloggen. Zum „Konsumieren“ – also zum passiven Besuch einer Lesung – reicht es, wenn man den Ton anstellt, sich zurücklehnt und zuhört. Zum Vorlesen ist ein Headset günstig, weil es störende Nebengeräusche reduziert.

In den Jahren, in denen ich nun in Second Life aktiv bin, habe ich mit sehr vielen Menschen gechattet und Lebensgeschichten erfahren, Es gibt viele, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung oder wegen pflegebedürftiger Angehöriger das Haus gar nicht oder selten verlassen können. Für diese Zielgruppe ist Kultur in einer 3D-Umgebung eine wunderbare Erfahrung und Bereicherung. Aber auch die Möglichkeit, die Welt zu verbinden, ist großartig. Es spielt keine Rolle, ob die Autoren und Autorinnen aus Bern, aus Wien oder Berlin kommen, ob sie gerade in Kamerun im Hotel sind oder in New York wohnen, ob das Publikum sich aus Düsseldorf oder aus Kopenhagen zuschaltet.

Seit Anfang 2010 laden wir mit steigender Frequenz Autoren und Autorinnen zu Lesungen in SecondLife ein. Zu Beginn haben wir uns auf die Schriftsteller und Schriftstellerinnen konzentriert, die das Metaversum bereits auf eigene Faust erkundet hatten wie zum Beispiel Krimiautor Oliver Buslau. Der Herausgeber des Textart Magazins hatte SecondLife selber schon in der Frühphase entdeckt und trat auch bei ersten Lesungen der Brennenden Buchstaben auf.

Die größere Herausforderung stellt es aber nach wie vor dar, Autoren die bisher keine Erfahrungen mit virtuellen Lesungen gesammelt haben, auf die Plattform zu holen. Nicht alle Schriftsteller sind begeisterte Computerfreaks, der eine oder andere ist schon froh, wenn er seine Textverarbeitung zum Laufen bringt, ohne dass der Rechner abraucht. Aber auch solche Hürden lassen sich überwinden. Bisher glücklicherweise immer.

Ein Autor, der bei uns liest, muss in der Regel maximal drei Stunden in seine Lesung in SecondLife investieren. Eine Stunde, um den Client zu installieren und die Audio-Übertragung per Voice oder Stream zu konfigurieren, etwa eine Stunde für seine Lesung mit dem Interview und oft noch eine Stunde zum Plaudern mit dem Publikum. Auch die Zuschauer können sich nämlich per Voice direkt an unseren Gast wenden oder tippen Fragen einfach in den Chat, den man unten im Bild mitlesen kann.

Gelegentlich fragt mal jemand nach, ob die Sache mit den Abstürzen immer noch ein Problem wäre. Innerhalb von mittlerweile gut 70 Lesungen haben wir bei den Autoren bisher noch keinen einzigen Crash erlebt. Technikprobleme treten lange nicht mehr so häufig auf wie noch im Jahr 2007.

Die letzte große Panne hatten wir im Frühjahr 2010, als Lea Korte bei uns ihren Roman „Die Maurin“ vorgestellt hat. Eigentlich wollte sie sich nur interviewen lassen und die Lesung uns überlassen. Dummerweise gab es damals Verbindungsprobleme mit dem Voice Chat, so dass wir selbst nicht mehr zu hören waren. Spontan las Lea Korte doch selbst und rettete damit den Abend. Glücklicherweise bisher die einzige Panne dieser Art.

Mittlerweile haben rund 45 Autoren bei Lesungen und Veranstaltungen in unserem virtuellen Kafé mitgewirkt, darunter Newcomer wie Marco Ansing, Christian Kathan, Heidi Hensges oder Frederic Brake, aber auch bekanntere Schriftsteller wie Oliver Buslau, Ingrid Schmitz, Frank Sorge, Michael Iwoleit, Karl Olsberg, Siegfried Langer oder Arno Strobel. Karl Olsberg zeigte sich so fasziniert vom Medium, dass er mittlerweile schon zweimal in SecondLife aufgetreten ist und daraus ein virtuelles Bauprojekt im Metropolis Grid (einer OpenSource Alternative zu SecondLife) hervor gegangen ist. Arno Strobel blieb gleich zwei Stunden, in denen er seinen aktuellen Roman „Das Skript“ vorstellte, Tipps für Nachwuchsautoren gab und gleich mehrere alte Kurzgeschichten las.

Besonders unplanmäßig verlief eine Lesung von Jonathan Dotse aus Ghana. Der afrikanische Cyberpunkautor wollte ursprünglich von seiner Wohnung aus lesen, hatte dort jedoch Probleme mit der Internetverbindung. Als er sich wenige Minuten später wieder meldete, tat er das aus einer Bar. Da kann mitten in der Lesung auch mal eine Vuvuzela losgehen. Glücklicherweise passt ghanaischer Straßenlärm gut zu einer Cyberpunkstory.

Der Avatar des Stargasts spielt dabei keine große Rolle, viel wichtiger ist für das Publikum die Möglichkeit, eine Lesung zu erleben, bei der man mit dem Autor ins Gespräch kommen kann. Kein Ersatz für eine reale Lesung natürlich, aber eine gute Alternative, wenn man aus Berlin oder Flensburg den Auftritt eines Autors aus Köln erleben will. Lea Korte hat bei uns beispielsweise zweimal aus ihrer spanischen Wahlheimat gelesen. Ganz abgesehen von der Five Continent Reading bei der Gäste aus Kanada, Argentinien, Israel und Ghana live ihre Texte vorgestellt haben.

Das Konzept funktioniert aber nicht nur für SecondLife-affine Cyberspacebewohner, sondern umgekehrt auch für die Vortragenden. Sie sind jedes Mal wieder überrascht, dass virtuelle Lesungen so gut funktionieren, obwohl der technische und zeitliche Aufwand vergleichsweise gering ist. Ein Autor erklärte mir später, er hätte eigentlich eine ziemlich chaotische Situation erwartet in der er gegen ein wild durcheinander redendes Publikum anlesen müsste. Glücklicherweise werden die für solche Anlässe üblichen Verhaltensregeln auch vom Avatarpublikum im Metaversum eingehalten. Von dessen Anwesenheit und Aufmerksamkeit kann der Autor sich durch einen Seitenblick auf den Monitor immer wieder überzeugen, denn auch in SL können die Zuhörer applaudieren, oder es werden anerkennende Kommentare lautlos in den Textchat gepostet, ohne dass der Lesefluss gestört wird.

In den letzten Jahren sind kostengünstigere Open Source Varianten des Second Life Prinzips entstanden. Auch in diesen sogenannten OpenSims veranstalten wir mittlerweile Lesungen. Noch liegt der Fokus aufgrund des größeren bereits vorhandenen Publikums auf SecondLife. Das könnte sich aber bald ändern.

Für den kommenden 21. Dezember, das berühmt berüchtigte Weltuntergangsdatum, haben wir uns nun etwas Besonderes einfallen lassen. An diesem Abend werden ab 20 Uhr vier Stunden lang Science-Fiction-Autoren ihre Untergangsvisionen vorstellen:

Von 20 Uhr bis 21 Uhr liest der Experte für Wissenschaftsthriller Thomas Thiemeyer, Autor von Titeln wie „Korona“, „Nebra“ und „Magma“, im Kafé KrümelKram auf Ataria.

Von 21 Uhr bis 22 Uhr erleben wir Marcus Hammerschmitt, den Schöpfer großartiger Science-Fiction-Alternativweltentwürfe wie „Der Zensor“ und „Polyplay“, auf Ling Vision.

Vom 22 Uhr bis 22.30 Uhr liest der in SecondLife mittlerweile sehr beliebte Schriftsteller Frederic Brake in SecondLife Köln, ihm folgt Michael Marrak, Autor u.a. von „Lord Gamma“ und „Black Prophecy“, der bist 23.30 Uhr auf der Bühne stehen wird, gefolgt von Michael Iwoleit, dem Altmeister des deutschsprachigen Cyberpunks, der uns bis Mitternacht mit seiner markanten Stimme unterhalten wird.

Man kann die Lesung natürlich in SecondLife verfolgen oder, falls man den Besuch in der virtuellen Welt scheut, per Stream unter dieser URL: http://secondstream.de:10001/

Für alle, die etwas Hilfe bei der – kostenlosen! –Installation des Clients und den ersten Schritten in SecondLife benötigen, haben wir ein kleines Tutorial geschrieben.

Es ist ein nichtkommerzielles Event, und natürlich ist der Eintritt völlig kostenlos!

Ach ja: Nach Mitternacht sind alle Getränke gratis! ;-)

 

 

6 Kommentare

  1. Moonlight Mills

    Ich lebe derzeit in London und für mich sind die meissten Lesungen leider zu früh, aber ich habe bei den brennenden Buchstaben Oliver Buslau kennengelernt und seine „musikalischen“ Krimis für mich entdeckt. Tolle Sache, was ihr da macht!

  2. BukTom Bloch

    Guten Tag.
    Sehr schöner Artikel, alles wirklich sehr gut erklärt!
    Auch schöne Fotos dabei. Das zweite von oben gefällt mir dabei auch gut, es wurde ja bei einer Lesung in meiner Freien Bibliothek Pegasus gemacht. ;-)
    Die Brennenden Buchstaben sind in SL im deutschsprachigen Raum die mit Abstand größte, wichtigste und kompetenteste Institution und absolut unverzichtbar. Dies für den Bereich Lesungen und Literatur. (Auch sonstige Aktivitäten, wie Kulturveranstaltungen allgemein, SF – Kunst – Vernissagen, u.ä. sind natürlich zu würdigen!)
    Dass es sonst „nichts“ gab und gibt, würde ich allerdings nicht zwingend sagen – und auch Menschen die mit neuen oder ähnlichen Ideen frisch nach Second Life kommen möchten, sollten hierdurch keine Scheu entwickeln!
    Missverständnisse gibt es in jeder Welt einmal – aber ansonsten ist JedeR herzlich willkommen, „bekommt geholfen“ und der „Konkurrenzgedanke“ ist erfreulich gering ausgeprägt.
    Es gibt also – zumindest mittlerweile – noch eine handvoll anderer „Lesungsveranstalter“ und anderer Institutionen im Bereich Literatur. Verweisen möchte ich hier auf meine Pegasus – Bibliothek, die ich hier ja auch schon einmal vorstellen durfte.
    http://wasmitbuechern.de/index.php/2010/01/03/315288308/
    Und als neues Projekt C. Earharts „Buchladen an der Ecke“ in SL – München.
    So, ich hoffe man nimmt mir diese kleinen Ergänzungen nicht übel. Bin da aber guter Hoffnung, denn bislang habe ich die Kooperation immer als angenehm und effektiv empfunden.
    Und dass es auch mal ein Missverständnis geben kann – zeugt davon, dass es lebende Menschen sind, die da agieren – und miteinander reden können!
    Btw. ist eben ein neues Buch erschienen, das überwiegend in SL spielt, durchaus empfehlenswert, „Varn“ von Volker König.
    MfG
    BukTom Bloch
    – Freie Bibliothek Pegasus in SL –
    aka
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.