Lars Popp: Ich würde gerne den Beweis antreten, dass es im Zwischenraum von E- und U-Literatur ein Publikum für Netzzeitgenössisches gibt

Die folgenden fünf Fragen werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Als Autor firmiere ich unter Lars Popp. Wahrscheinlich, weil ich im Erstberuf (als Steffen) Theaterwissenschaftler und -regisseur bin, verstehe ich auch das Buch als eine Art Theaterraum, zumindest versuche ich ihn ein bisschen so zu „inszenieren“. Vielleicht liegt’s aber auch an meiner Computerspieljugend: Als Generation C64ler habe ich den ganzen Aufbruch in die Digitalisierung Globalisierung Vernetzung hinein mitgemacht; wie viele andere habe ich mit dem Schreiben angefangen, einfach um die Umwälzungen um mich herum dadurch vielleicht ein wenig besser „verarbeiten“ zu können. Und weil ich selbst leidenschaftlicher Leser bin, gerade auch von „alten“ Sachen. Deshalb begleitet mich als eine Leitlinie die Frage, wie man neue und alte Schriftkultur produktiv „verheiraten“ könnte. Auch wenn heute wahrscheinlich mehr geschrieben wird denn je, werden wir doch zugleich von einer starken Bildkultur bestimmt, während mit dem Netz eine Art Schreib-Oralität entstanden ist. Als Reaktion gab es um die Jahrtausendwende ja einiges an Schreibexperimenten im und mit dem Netz: Hypertextexperimente, Schreibkollektive, Null, Abfall für Alle und vieles mehr. Aber irgendwie schienen mir nicht besonders viele daran zu arbeiten, wie all das inhaltlich wie formal auf den „klassischen“ Roman zurückstrahlen könnte. Litflow hat das in Bezug auf die Buchpreisnominierungen polemisch formuliert: Um uns herum passiert die bedeutendste kulturelle Umwälzung unserer Zeit – die „Gegenwartsliteratur“ indes arbeitet sich in erster Linie an der Vergangenheit ab. Mich interessiert, ob man die Ästhetik des Netzes irgendwie in die Romanform hineinholen und diese an ihre Grenzen treiben kann, ohne dabei ihre Vorzüge aufzugeben. So ist in gut zehn Jahren eine Art lose Trilogie unterschiedlicher Romanexperimente entstanden. Und jetzt geht es darum, das nach und nach der Öffentlichkeit zu übergeben.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Bevor ich mich um acht Uhr früh an den Schreibtisch setze, wird erstmal der RSS-Reader gecheckt. Dann geht es los mit E-Mail-Korrespondenz. Danach Schreiben und/oder Blog- und Netzarbeiten. Der Nachmittag gehört dann biorhythmisch passenderen Tätigkeiten wie Recherchen, notwendigen Lektüren, persönlichen Treffen, etc. All dass fliegt allerdings auseinander, wenn mein anderes Ich mal wieder Theaterregie oder -dramaturgie macht: dann herrscht ein ganz anderer Rhythmus und ich arbeite auch meist in einer anderen Stadt. Aber ich liebe und brauche diese Wechsel, anders würde es mir rasch monoton.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Das Internet ist immer mehr in Alltag und Arbeit hineingewuchert; Lebens- und Arbeitszeit sind dadurch immer verflochtener und auch verworrener geworden. Gravierendste Änderung war aber die Geburt meines Sohnes letztes Jahr. Wo ich vorher auch mal mit dem Netz einfach mitschwimmen und die dabei „verlorene“ Zeit problemlos später nachholen konnte, muss ich mich heute stärker disziplinieren und fokussieren. Man muss permanent Informationsentscheidungen treffen, was ziemlich anstrengen kann.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Zeitökonomie: Da wir in jeder Hinsicht in einer Überflusskultur leben, wünschte ich mir mehr Qualität als Quantität. Es wird viel Redundanz produziert. Einerseits, weil nun jeder zugleich Produzent ist, andererseits aber auch, weil bestimmte Systembedingungen dazu zwingen, permanent und auf die Schnelle Inhalte zu liefern. Dabei müssten wir die Bedingungen und unsere Wohlstandsverteilung nur etwas anders organisieren, damit mehr Informationsarbeiter an den wirklich wichtigen Dingen – Qualitätsjournalismus! – arbeiten könnten. Information overflow wäre damit zwar nicht gebannt, aber zumindest dort etwas „eingehegt“, wo man wirklich drauf verzichten könnte. Aber da diesbezüglich das Kleinste mit dem Größten zusammenhängt, erwarte ich keine schnelle Lösung … und hoffe dennoch, es bleibt nicht allein mein utopisches Wunschdenken. ;-)

Wo finden wir Sie im Internet?

Auszüge aus den Romanen gibt es auf www.wechselwetterwolken.de. Das ist nebenbei ein Blog, der sich mit unserem gesellschaftlichen Exodus in die digitalen Wolken beschäftigt. Dort läuft außerdem gerade ein Experiment mit meinem Romanerstling Norlando (der augenzwinkernd von unserer sich ändernden Schreibkultur und einer uralten Verschwörungsspur innerhalb der deutschen Literatur handelt …) Der steht dort schon zu großen Teilen als „Public Beta“, zum öffentlichen Lektorat sozusagen, online; der Rest folgt nach und nach bis Ende des Jahres. Hier geht es mir auch darum, zumindest mit bescheidenen WordPress-Mitteln einfach mal ein verlink- und versocialnetzbares Buch-im-Netz zu testen. Was funktioniert schon, was noch nicht, woran müsste man noch arbeiten? Hier würde ich mich sehr über Feedback freuen. Basis aller meine Projekte ist indes www.popp-art.com: dort geht es um Kunst im Allgemeinen und neben den Texten auch um meine Theaterprojekte im Besonderen. Links zu meinen Social-Media-Profilen findet man auf beiden Sites.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: © Tobias Bohm

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