Die folgenden fünf Fragen werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin Buchhändlerin. Nicht, weil ich gern lese (was ich natürlich tue), sondern weil ich gern Bücher empfehle. Zum Buchhandel bin ich erst nach einigen anderen Stationen meines Lebensweges gekommen. Meine Ausbildung habe ich in einer wunderbaren inhabergeführten Buchhandlung im Südoldenburger Land gemacht. Zurzeit bin ich bei Thalia in Osnabrück angestellt und bin dort auch für die E-Book-Reader zuständig.

Da ich eher technikaffin bin, bereitet mir die Auseinandersetzung mit dem Thema digitales Lesen durchaus Freude. Ich finde es wichtig, mein Wissen an meine Kunden weiterzugeben und so Freude am Lesen in jedweder Form zu vermitteln.
Mir wird es wohl ums Herz, wenn ich eine passende Lektüre verkaufen kann oder einen passenden E-Reader. Lektüre zu empfehlen macht aber zugegebenermaßen doch mehr Spaß.

Alles in allem bin ich für die eher exotischen Kundenanliegen zuständig. Skurrile Belletristik, Fantasy (ich bringe einen kleinen Rollenspieler-Hintergrund mit) und SciFi, DVDs und E-Reader. Bei Comics und Graphic Novels kenne ich mich auch ein bisschen aus. Mein relativ breit gestreutes Interesse an verschiedenen Kunstformen, Musik und Filmen hilft auf jeden Fall in vielen Kundengesprächen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Mein Arbeitstag beginnt ja streng genommen erst im Laden, aber ich schaue meist vor Arbeitsbeginn schon einmal bei Facebook in diverse Buchhändlergruppen und wenn ich neben dem Kaffee noch Zeit habe, wird auch Twitter aufgerufen. Im Bus in die Stadt lese ich wenigstens ein paar Seiten Buch auf einem meiner E-Reader und dann geht der eigentliche Tag los.

Ich arbeite in der belletristischen Abteilung und verbringe viel Zeit mit dem Erzählen von Romanen. Das ist auch der Aspekt meines Berufes, der mir am meisten Freude bereitet. Eine Kollegin hat mal zu mir gesagt, sie hielte sich gern in meiner Nähe auf, wenn ich Empfehlungen gebe, weil ich so schön erzählen würde. In jedem Fall tue ich das sehr sehr gern und mit soviel ehrlichem Engagement, wie es mir möglich ist. Ausserdem beherbergt „unsere“ Etage die Biographien, den Bereich Politik und Zeitgeschehen, Geschenkbücher, Humor, Manga und Comic, Klassiker und meine Warengruppen (Fantasy, Science Fiction, DVD, Regionalia und E-Reader).

Da ich im Erdgeschoß arbeite, kommt viel Recherche in der Bibliographie hinzu. Wir sind die erste Informationsquelle auf die der Kunde zukommt oder die auf den Kunden zukommt.Früher oder später kommt meist der Punkt, an dem ich zu einem E-Reader-Beratungsgespräch hinzugerufen werde, um Feinheiten zu erklären oder Formatfragen zu beantworten. Erste Hilfe bei eingefrorenen E-Readern oder schlichten Bedienungsfehlern gehört genauso zu meinem Aufgabenbereich wie das Einrichten von E-Reading-Software und Synchronisation des E-Readers, wenn die Kunden mit Laptop/Netbook vor mir stehen und hilflos Hände und Füße von sich strecken. Das Ganze mache ich bei Bedarf auch telefonisch.

In der Mittagspause versuche ich irgendwie die Waage zu halten zwischen kurzen Facebook-Ausflügen, Nahrungsaufnahme und dem Studium der gängigen Branchenblätter.
Mein Arbeitstag endet irgendwann nach offiziellem Feierabend, wenn ich mich noch einmal bei Facebook und Twitter umgetan habe (ich bin eine notorische Re-Tweeterin, selber schreibe ich selten etwas), möglicherweise ein Kundenproblem recherchiert habe, welches ich im Laden nicht lösen konnte und – wenn‘s ganz gut läuft – noch einige Seiten gelesen habe.

Seit Kurzem arbeite ich außerdem im Rahmen der protoTYPE Initiative des Forum Zukunft ehrenamtlich an einer Idee mit, die sich mit der Realisierbarkeit eines b2b-Supports rund um E-Book-Reader und E-Reading beschäftigt. Da ich mich in meiner täglichen Arbeit auf der Ladenfläche mit diesen Schwierigkeiten auseinandersetze, liegt mir das Thema sehr nahe.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Vor weniger als vier Jahren fand ich die Vorstellung, auf einem elektronischen Gerät zu lesen ganz ganz GANZ schrecklich. Ich werfe hier einfach mal eben die vielbeschworene „Haptik“ in den Raum, den Geruch von Papier und die Phrase „das ist ja kein richtiges Buch“. Spannend fand ich die Technik durchaus, aber meine Neugier traf da auf eine massive Wand aus romantisierender Ablehnung und schlichter Existenzangst. Braucht das elektronische Buch mich als Buchhändlerin?

Letztendlich ist es vielleicht genau diese anfängliche Ablehnung, die mir jetzt entspannte Gespräche ermöglicht. Vielen Kunden und auch Kolleginnen geht es jetzt genauso wie mir vor einigen Jahren und für mich war die Lösung das genaue Studium des „Feindes“ E-Book und E-Reader. Tatsächlich haben beide mich sogar von sich überzeugt und inzwischen sind wir vielleicht nicht eng befreundet, aber doch gut bekannt miteinander.

Meine tagtägliche Arbeit hat sich natürlich durch den Wechsel meiner Arbeitsstätte geändert. Ich habe immer noch Stammkunden und auch die Empfehlung eines Buches läuft jetzt noch so ab wie vor einigen Jahren. Aber ich bin eingeschränkter in der Gestaltung meiner Abteilungen. Es ist einfach ein anderes Arbeiten. Manchmal bereitet es mir direkt ein diebisches Vergnügen, einfach mal einen alten Backlist-Titel ganz bewusst verstärkt anzubieten. Nur so, weil er auf keiner aktuellen Liste auftaucht und ich ihn trotzdem verkaufen kann.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Für mich ist ein großes Problem der hohe Aufwand, der mit der Beratung bzw. der vorherigen Beschaffung von Know-how für die Beratung von E-Reader-Kunden und mit deren Support verbunden ist. Natürlich gibt es für jedes Problem eine Lösung und diese hat irgendwann auch schon einmal irgendjemand im Netz irgendwo gepostet, aber diese zu finden, dauert oft lang. Nicht zuletzt liegt das daran, dass der klassische Buchhandels-E-Reader-Käufer (Ich glaube, das sticke ich mir auf ein Kissen… Schönes Wort!) für ein technisches Problem einen anderen Jargon verwendet als jemand, der tief im Thema steckt. Auch beim angesprochenen Buchhändler/Buchhändlerin fehlt im Zweifelsfall das technische Verständnis, um ein Problem zu identifizieren und so gezielt nach einer Lösung zu suchen. Egal wie ich es drehe, es gibt immer Verständnisschwierigkeiten.

Facebook ist da eine große Hilfe für mich. Ich sehe aber, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich aus verschiedenen Gründen gegen die Nutzung von Facebook entschieden haben. Oft sind es eben diese Kolleginnen und Kollegen, die sich auch in anderen Belangen mit Technik oder der Recherche im Internet schwer tun.

Keiner von uns hat die Zeit, sich ausschliesslich mit technischen Neuerungen zu befassen, wir wollen bzw. müssen ja nebenher auch das eine oder andere Buch lesen, Rezensionen ansehen und Programme durcharbeiten. Dennoch führt meiner Meinung nach kein Weg daran vorbei, sich zumindest mit einigen Neuerungen zu beschäftigen. Nicht jeder muss alles anbieten können, aber wenn wir uns als Buchhandel nicht mit dem Wunsch der Kunden nach elektronischem Lesen befassen, dann tun es andere für uns.

Deswegen hat mich das Projekt „m@rtha“ im Rahmen von protoTYPE  auch gepackt. Ich finde die Idee ausgesprochen apart, anderen Buchhändlern (= Menschen, die mit Büchern handeln, also auch Verlage mit Direktvertrieb) beim Finden einfacher Lösungen zur Zufriedenstellung ihrer Kunden mit E-Reader und/oder E-Book-Fragen zu helfen. Für mich steht dahinter die Idee, ein Signal zu setzen. Einerseits an die Buchhändler: „Ihr seid nicht allein gelassen mit Fragen und Schwierigkeiten“ und andererseits darüber an unsere Endkunden „Wir sind eure Ansprechpartner zum Thema Lesen, unabhängig vom Medium“. Wenn das klappte, das wäre doch schön.

Wo finden wir Sie im Internet?

Hauptsächlich in der Tat bei Facebook, immer öfter bei Twitter (@lschitteck) und dann gibt es da noch die Rezensionsseite bei meiner Arbeitgeberin, sowie das erwähnte Projekt auf www.innovation-prototype.de

Bildquelle: Luise Schitteck