Abschieds-Interview mit der Redaktion der „Marginalglosse“

Die Redaktion der Marginalglosse setzt sich aktuell zusammen aus (v.l.n.r.):

Was war die Marginalglosse?

Sabine: Die Marginalglosse war ein Blogprojekt, das vor ungefähr zwei Jahren aus studentischem Engagement heraus gegründet und auf dieser Basis bis zur Einstellung weitergeführt wurde. Die Anregung dazu lieferte die Onlineredaktion des Börsenblatts bei einer Exkursion der Erlanger Buchwissenschaft zum Börsenverein des deutschen Buchhandels in Frankfurt. Im wöchentlichen Turnus, vornehmlich donnerstags, haben wir Artikel veröffentlicht, die sich auf die Buchbranche und ihr Umfeld bezogen. Aus unserem studentischen Blickwinkel haben wir dabei im Laufe der letzten zwei Jahre verschiedenste Themen kommentiert. Die Artikel beschäftigten sich z.B. mit den Bereichen Buchmesse, Hörbücher, Antiquariatsbuchhandel, Urheberrecht, Ebooks, ausländische Buchmärkte, Veranstaltungen rund ums Buch, Praktika in der Branche, Buchpreisbindung, usw. Eine geeignete Plattform wurde uns auf boersenblatt.net zur Verfügung gestellt, die anfallenden redaktionellen Aufgaben rund um die entstehenden Artikel von der Programmplanung über die Autorenakquise und -betreuung bis hin zur Endkorrektur übernahmen wir als anfangs sechs-, später fünfköpfiges Team in eigener Regie. Was betont werden muss: Die Marginalglosse war eine eigenverantwortliche, rein studentische Initiative, die allein durch Interesse und Engagement getragen wurde, also unabhängig vom Lehrstuhl und z.B. der Vergabe von ECTS-Punkten.

Conni: Wir veröffentlichten aber nicht nur Artikel, sondern versuchten uns auch an Podcasts, um die verschiedenen Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Außerdem regten wir Buchmesse-Diskussionen an, in denen sich Professoren der Buchwissenschaft und Branchenmitglieder zum Beispiel über Blogs und soziale Netzwerke oder die Bibliophilie im Internetzeitalter austauschen konnten.

Wer war die Marginalglosse?

Hanna: Die Marginalglosse bestand immer aus einer studentischen Redaktion, in der jeweils fünf oder sechs Mitglieder waren, sowie aus vielen studentischen Autoren, die den Großteil der Artikel verfasst haben. Ohne alle diese Autoren, die wir im gesamten Studiengang Buchwissenschaft rekrutiert haben, hätte es die Marginalglosse nie gegeben: Je nach Fachgebiet und Interessenlage haben sie einen bunten Mix verschiedenster Artikel geschrieben und unser Projekt damit stark unterstützt, wofür wir ihnen wirklich dankbar sind.

Conni: Zudem war die Marginalglosse ein Name für unabhängigen und kritischen Journalismus, der sich weder von den Interessen des Instituts für Buchwissenschaft noch von den Ansichten des Börsenblattes beeinflussen ließ. Die einzige Bedingung an unsere Autoren war Qualität in inhaltlicher und sprachlicher Hinsicht. Die Artikel sollten faktenreich die eigene Meinung transportieren, ohne dabei zu wissenschaftlich oder zu trocken zu werden. Das war bei Studenten, die wissenschaftliches Schreiben gewöhnt sind, nicht immer die leichteste Übung, aber ich denke, es ist uns immer gelungen, hinter den Artikeln zu stehen, und den Autoren mit unserem Namen die nötige Rückendeckung zu geben, um sich sicher an die Öffentlichkeit zu wagen. Auch von mir ein herzliches Danke an alle, die den Mut dafür aufgebracht haben.

Jay: In den ersten zwei Jahren der Marginalglosse setzte sich die Redaktion im Grunde aus den Gründungsmitgliedern des Projekts zusammen: Hanna Hartberger, Sabrina Kurtz (Buchwissenschaft, Nordische Philologie, Bachelor), Cornelia Weileder , Sabine Hafner, Dennis Schmolk und Katharina Kaser (Buchwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Magister). Als Sabrina dann vor kurzem für ein Auslandssemester die Marginalglosse verlassen musste und Katharina wegen Prüfungsphase ausgeschieden ist, bin ich als neues Mitglied eingesprungen.

Warum endet die Marginalglosse?

Dennis: Im Wesentlichen herrschen hier zwei Gründe vor: Erstens war die Zusammenarbeit mit dem Börsenblatt etwas belastet, als uns die Veröffentlichung eines Artikels aus verbandspolitischen Gründen versagt wurde. Zumindest meiner Motivation hat das einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Wir hatten dann überlegt, auf eine eigene Plattform umzuziehen, die unter www.marginalglosse.de auch schon eingerichtet ist. Leider kamen wir dann zu dem Schluss, dass wir das zeitlich und personell so nicht hinkriegen.

Jay: Der zweite Grund für das leider jähe Ende der Marginalglosse sind ganz einfach Nachwuchsprobleme – sowohl auf redaktioneller als auch auf Autorenseite. Der Großteil der Redaktion wird im Laufe des nächsten halben Jahres den Abschluss machen und sich dann erstmal auf den Arbeitsmarkt stürzen. Eine geeignete Nachfolge in der Redaktion konnte leider bisher nicht gefunden werden. Darüber hinaus stellte sich für uns auch das Problem des chronischen Mangels an Autoren. Da wir nun aufgrund der jüngsten Ereignisse mit dem Börsenblatt den großen Schritt auf eine eigene Plattform wagen wollten, mussten wir uns doch eingestehen, dass sich ein derartiger Aufwand kaum lohnt, wenn sich die Redaktion in wenigen Monaten sowieso auflösen würde. Da dann doch unerwarteterweise so viele Gründe für das Aus des Projekts zusammen kamen, haben wir am Ende der letzten, etwas längeren Winterpause der Marginalglosse beschlossen, diese nun doch ganz zu beenden – natürlich nicht ohne ein tränendes Auge.

Dennis: Auch wenn das Projekt nun zu Ende geht, werden wir trotzdem versuchen, die Marginalglosse auch außerhalb Erlangens im Gedächtnis zu bewahren. Auf marginalglosse.de werden wir ein Archiv oder eine Linkliste zu allen Artikeln einstellen – die Website beim Börsenverein ist hier etwas unübersichtlich. Und vielleicht finden sich ja irgendwann wieder Studenten, die neben dem ECTS-Druck Zeit finden, das Projekt zu reaktivieren. Wir werden sehen.

Was gibt/gab es für Anekdoten, Exkursionen, Erinnerungen, Probleme, Hürden?

Sabine: Einigen unserer hauptsächlich studentischen Autoren wurde erst mit ihrer Zusage zu einem Artikel bewusst, welche Tragweite das Veröffentlichen ihrer Ansichten haben kann – das mag bei einigen den Grund dazu geliefert haben, ihre Mitarbeit wieder aufzukündigen.

Ich habe irgendwann eingesehen, dass die Qualität eines Artikels nicht von der Anzahl der Kommentare abhängig gemacht werden darf. Dass ein Artikel nicht kommentiert wird, heißt noch lange nicht, dass er mittelmäßig oder langweilig wäre. Die Gefahr, aus den Kommentaren entsprechend falsche Rückschlüsse zu ziehen, liegt aber nahe. Der Umgang mit ihnen – auch die Reaktion auf sie – will erst gelernt sein.

Dennis: Diese Einschätzung kann ich nur bestätigen. Auch wenn Aufmerksamkeit als neue Währung gilt, ist sie erstens nicht direkt von Kommentaren abhängig und zweitens auch nicht unbedingt das Maß aller Dinge.

Hanna: Ich empfand die Zusammenarbeit sowohl mit den Autoren als auch mit den Redaktionskollegen als sehr bereichernd. Dadurch, dass wir unabhängig von der Universität waren und sehr viel durch praktische Anwendung gelernt haben, sei es im Bereich Presse oder sei es im Bereich Social Media, konnte ich sehr viel mitnehmen.

Conni: Wir wollten entdecken, was es bedeutet, die eigene Meinung zu verbreiten und sind dabei an innere und äußere Grenzen gestoßen. Neben dieser bedeutenden Erfahrung, war mein persönlicher Höhepunkt die Exkursion der Redaktion in das Bücherdorf Edenkoben. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden Johannes Benken erfuhren wir, wie Bücher die wirtschaftliche Infrastruktur eines kleinen Dorfes wieder aufbauen können. Außerdem wird mir die äußerst spannende, amüsante und sporttechnisch anstrengende Bahnfahrt immer im Gedächtnis bleiben.

Dennis: Diese Bahnfahrt bleibt uns allen im Gedächtnis, nur bewerten wir sie in der Erinnerung vermutlich etwas anders …

Die größte Hürde sah ich insgesamt darin, den Turnus aufrecht zu erhalten. Dass der Artikelzulauf in den Semesterferien stockte, hat natürlich niemanden überrascht. Aber gerade im ersten Jahr hatten wir immer wieder Flauten, gefolgt von wahren Hype-Stürmen, in denen wir auf einige Wochen ausgeplant waren und zeitweise sogar über einen unregelmäßigen zweiten Veröffentlichungstermin pro Woche nachdachten.

Jay: Da ich ja doch erste recht spät – Anfang November 2010 – zur Redaktion der Marginalglosse hinzugestoßen bin, konnte leider nur einen kleinen, aber nicht minder interessanten und lehrreichen Einblick in die Arbeitsbereiche dieses Projekts bekommen.

Ich erinnere mich aber viel mehr an die Anspannung vor der Veröffentlichung meines ersten Artikels und an die freudige Aufregung darüber, einenmeiner Kommentare zu einem Marginalglosse-Artikel in der Printausgabe des Börsenblatts wiederzufinden.

Was wolltet Ihr erreichen – was habt Ihr erreicht?

Hanna: Wir wollten eine Diskussion zwischen Studenten und Branchenmitgliedern erreichen. Beide Gruppen beschäftigen sich intensiv mit den gleichen Themen, tauschen sich aber konkret viel zu wenig darüber aus – doch gerade die unterschiedlichen Sichtweisen bringen beiden Seiten wertvolle Erkenntnisse, wie wir mit der Marginalglosse zeigen konnten. Es hat uns sehr gefreut, zu sehen, wie bereitwillig und diskussionsfreudig viele Branchenmitglieder mit uns in die Diskussion eingestiegen sind!

Dennis: Ich kann persönlich eigentlich gar keine genauen Motive anführen, was ich erreichen wollte – für mich war die Marginalglosse ein Experiment, das sich – für mich überraschend – zu einem ziemlichen Erfolg gemausert hat. Am wichtigsten war mir in der Anfangszeit vielleicht, der häufig konservativ-verstaubt wirkenden Branchendiskussion ein paar jüngere und auch liberalere Denkanstöße zu geben. Mit Themen wie dem Urheberrecht, der Piraterie und Gesetzgebung in Zeiten der globalen Digitalisierung ist uns das glaube ich bis zuletzt gelungen.

Sabine: Einige der Artikel haben auch unser Ziel verwirklicht, die Diskussion innerhalb der Branche anzuregen. Vor allem dem Artikel von Nikolaus Weichselbaumer über den Kopierschutz bei E Books gelang es eine Diskussion zu entfachen. Der Artikel von Dennis Schmolk über den Antiquariatsbuchhandel und der Artikel von Sebastian Sabors über die Buchtage in Berlin 2009 sind ebenso anzuführen. Leider können hier nicht alle aufgezählt werden, aber wir wissen, dass wir diesen Erfolg zu gleichen Anteilen den Autoren und den Lesern zu verdanken haben. Am Herzen liegt uns auch unser letzter Redaktionsartikel, in dem wir auf die Entlohnung von Praktika und Volontariaten eingehen: Bezahlung wäre nett!

Über die Personen:

Sabine Hafner, Buchwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte, braucht dringend was zu tun, nachdem sie ihre Magisterprüfung gut hinter sich gebracht hat.

Hanna Hartberger, Buchwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft im Magister-Studiengang, hat gerade ihre Magisterarbeit abgegeben und will nach ihren Prüfungen im Sommer in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gehen.

Dennis Schmolk, Buchwissenschaft und Soziologie im Bachelor-Studiengang, weiß noch nicht, was er machen will.

Jacqueline Stumpf, Buchwissenschaft und Kunstgeschichte im Bachelorstudiengang, bereitet sich gerade auf ihre Abschlussarbeit rund um das Thema „Graphic Novel“ vor und freut sich auf den Beginn des Masterstudiums im Winter.

Cornelia Weileder, Buchwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft im Magisterstudiengang, befindet sich im Prozess des Magisterarbeitschreibens und möchte nach dem Studium Bücher unters Volk bringen.

Foto: Cornelius Wachinger

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